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Handwerkliche Praxis: von Perspektiven bis zu Rückblicken. Hier bitte KEINE Rechtschreibthemen, diese unter Nachschlag(en)
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THEMA: Ich-Perspektive

Ich-Perspektive 13 Mär 2018 14:05 #6165

  • maraka
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Hallo,

Ich würde gern mit euch noch einmal ein wenig über Ich-Perspektive plaudern.

Wie wir ja schon wissen :woohoo: , ist ihre Stärke auch ihre Schwäche: Es gibt einen ganz engen Scheinwerferkegel.
Die größte Schwierigkeit bereitet wohl die Informationsabgabe, ich meine z.Bsp. Beschreibungen der Person. Ich finde es unnatürlich, wenn ich lese: „Ich strich mir meine schwarzen Haare aus dem Gesicht.“ Oder:“ Ich zog mir den grünen Parka über den Kopf.“

Personenbeschreibung geht in Bezug auf eine andere Person oder etwas anderes. „Sie hatte gesagt, dass sie meine schwarzen Haare nicht leiden kann“, oder: „Ich hatte mir extra den grünen Parka angezogen, weil ich dachte, damit im Wald unauffälliger zu sein.“
Na, oder vor dem Spiegel eben.
Verteidigung vielleicht noch? Was hatte sie an meinem … auszusetzen? Ich fand die ... ganz ok.

@Martin, wenn du sagst, Ich-Perspektive sei eine direkte Unterhaltung mit dem Leser, muss ich dir widersprechen.
Das Ich beschreibt sein Erleben total aus sich selbst heraus. Diese unmittelbare Dabeisein macht wohl auch den Reiz aus.
Das kann natürlich auch ein Dialog mit dem Leser sein. Ich erinnere mich an ein Krimi-Heftchen, in dem sich der Detektiv immer direkt an den Leser gewendet hat. So im Stil von: hallo, ich bin der und der und das und das ist passiert und jetzt warte ich auf …
Das ist jedoch keine Domäne der Ich-Perspektive. In alten Büchern heißt es des öfteren: der geneigte Leser möge mir verzeihen, … Oder: wie du, lieber Leser schon weißt …
Das ist dann von Anfang an ersichtlich so angelegt. Wenn ich aber erst in ein Erleben hineingezogen werde und dann auf einmal sagt die Person: Hallo, ich will mich dir mal vorstellen, irritiert das sehr . (Ja klar rede ich vom airport)

Kann es sein, dass der Leser einen Autor liebt, der zum Zeitpunkt des Lesens nicht schlauer ist als er?
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Ich-Perspektive 13 Mär 2018 16:05 #6166

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Hi Martin,
grade fand ich eine wirklich gute Beschreibung einer Person in der Ich-Perspektive.

... so unterschiedlich wie er und ich. Er durch und durch sehniger Sportler, die Haare nicht einmal bürstenschnittlang, enges Lederdress, ich Genießer mit leichtem Übergewicht, angehende Geheimratsecken, Jeans, labbriges T-Shirt und uralte Abenteuerlederjacke.

;)
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Ich-Perspektive 13 Mär 2018 16:56 #6169

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maraka schrieb:
Ich finde es unnatürlich, wenn ich lese: „Ich strich mir meine schwarzen Haare aus dem Gesicht.“ Oder:“ Ich zog mir den grünen Parka über den Kopf.“
Klingt komisch, finde ich auch, gewollt, konstruiert.

maraka schrieb:
Das Ich beschreibt sein Erleben total aus sich selbst heraus. Diese unmittelbare Dabeisein macht wohl auch den Reiz aus.
Keine Frage.

maraka schrieb:
Das kann natürlich auch ein Dialog mit dem Leser sein. Ich erinnere mich an ein Krimi-Heftchen, in dem sich der Detektiv immer direkt an den Leser gewendet hat. So im Stil von: hallo, ich bin der und der und das und das ist passiert und jetzt warte ich auf …
Das ist jedoch keine Domäne der Ich-Perspektive.
Habe ich das so behauptet? Wenn das so rüberkam: Missverständnis. Die Ich-Perspektive ist dem direkten Einer-anderen-Person-Erzählen am nächsten. Natürlich ist auch da ein feiner Unterschied zwischen dem Ich und dem Erzähler. Aber der ist kleiner als bei der Personalen.
Wenn ich dir gegenüber sitze und etwas von mir erzähle, dann ist alles, was da kommt, von mir. Egal, ob ich Gefühle beschreibe oder was ich sehe oder was ich für eine Ausbildung habe.
Wenn ich dir gegenüber sitze und erzähle, was Fred sieht und denkt und welche Ausbildung er hat, dann bin ich stärker zweigeteilt in die Personale von Fred und den Erzähler, seine Ausbildung betreffend.
Wenn ich im ersten Fall abschließend sage: »Ist doch interessant, nicht?«, dann bin das immer noch ich, eventuell reflektierend oder sogar als Selbstgespäch einzustufen. Wenn das bei der Personalen der Fall ist, dann bin das ich als Erzähler.

Dieses sich direkt an den Leser Wenden wie du es beschreibst, ist noch einmal eine andere Retro-Sache, bei der Autor mehr oder weniger geluingen versucht, eine direkte Verbindung zwischen Figur und Leser herzustellen. Ich denke, das hat man früher so etwas freier gehandhabt, wo man noch weniger Ratgeber gelesen hat.

maraka schrieb:
Kann es sein, dass der Leser einen Autor liebt, der zum Zeitpunkt des Lesens nicht schlauer ist als er?
Klar, verbindet. Wie kommst du drauf?
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Ich-Perspektive 29 Mai 2018 09:01 #6304

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Die Ich-Perspektive. Kurz gesagt: Mag ich nicht. Überhaupt nicht. Kam auch schon vor, dass ich es in der Buchhandlung eilig hatte und ein Buch nur des Klappentextes wegen mitgenommen habe. Der Schrei, der kurz darauf durch die Gasse fegte, war von mir. Da hatte ich dann festgestellt, dass es in der Ich-Perspektive geschrieben war. Meine Buchhändlerin hat mir schon wissend entgegengegrinst, als ich fünf Minuten später wieder vor ihr gestanden habe.

Natürlich ist das Argument, dass diese Perspektive der direkteste Draht zwischen Protagonist und Leser ist, nicht zu widerlegen. Vielleicht ist es genau das, was mich stört. Dass da jemand nur von sich erzählt. Auch beim Schreiben schränkt mich diese Perspektive zu sehr ein. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich aus dieser Perspektive nur eine Seite erzählen kann und dem Leser dadurch im Grunde eine Meinung aufdränge.

Ich hoffe, mein Gedankengang ist jetzt nicht zu konfus. Aber wenn ich eine Geschichte nur aus einer Sicht lese, ist immer derselbe gut oder böse, ganz simpel ausgedrückt. Ich bin also auf die Meinung des Protagonisten angewiesen. Ist genau so, wenn mir eine Freundin erzählt, wie doof ihr (Ex-)Freund zu ihr war. Auch da erfahre ich nur eine Sichtweise. Dabei interessiert mich auch seine, um mir eine eigene Meinung bilden zu können. Das hätte ich auch gerne in einem Roman.
Nutze ich diese Perspektive als Autor nehme ich mir doch zum großen Teil die Möglichkeit, dem Leser andere Personen und ihre Beweggründe/Geschichte/Charakter näher zu bringen. Gleichzeitig zeige ich ihm nur eine Wahrheit und zwar meine bzw. die meines Protagonisten. Finde ich nicht gut. Trifft natürlich auch dann zu, wenn es nur eine einzige personale Perspektive in einem Roman gibt.

Es ist auch auffällig, dass 3/4 der Bücher, die meine Tochter (10) liest, in der Ich-Perspektive geschrieben sind. Ist das jetzt nur Zufall oder tatsächlich vermehrt so, dass diese Perspektive in Jugendbüchern häufiger genutzt wird? Und wenn ja, warum denn?
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Ich-Perspektive 29 Mai 2018 12:07 #6306

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Liebe Dornpunzel,

Die Ich-Perspektive. Kurz gesagt: Das ist ja interessant :-)

Dornpunzel schrieb:
Natürlich ist das Argument, dass diese Perspektive der direkteste Draht zwischen Protagonist und Leser ist, nicht zu widerlegen. Vielleicht ist es genau das, was mich stört.
Warum stört dich das? Hinter dem Stören liegt ja immer viel mehr als die logischen Argumente, die du anschließend aufzählst. Ich weiß, manche Leute mögen die Ich-Perspektive nicht, aber ich vermute, da stecken andere Gründe dahinter.

Dornpunzel schrieb:
Auch beim Schreiben schränkt mich diese Perspektive zu sehr ein. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich aus dieser Perspektive nur eine Seite erzählen kann
Natürlich, das ist ja auch Sinn und Zweck der Übung. Aber Leben ist nun einmal so, du lebst dein ganzes in der Ich-Perspektive. Kann es sein, dass dich die Nähe stört? Es auf dich - nicht erzählerisch, sondern persönlich - einengend wirkt? Kann es sein, dass du einen Horror davor hast, geklammert zu werden?

Dornpunzel schrieb:
Es liegt in der Natur der Sache, dass ich aus dieser Perspektive nur eine Seite erzählen kann und dem Leser dadurch im Grunde eine Meinung aufdränge.
Mit dem, was man schreibt, drängt man dem Leser immer eine Meinung auf. Und zwar nicht die des Protagonisten, sondern seine eigene. Man kann natürlich alles so oder so sehen - Münze, zwei Seiten. Bei der Ich-Perspektive kommt man nicht aus, da tut man sich schwer, Perspektivfehler zu machen. Zudem geht es ja weniger um die meinung des Protagonisten, sondern um das, was er erlebt. Wieder stellt sich mir die Frage, warum du so auf Distanz, auf Abstand bestehst?

Dornpunzel schrieb:
Aber wenn ich eine Geschichte nur aus einer Sicht lese, ist immer derselbe gut oder böse, ganz simpel ausgedrückt. Ich bin also auf die Meinung des Protagonisten angewiesen.
Wofür gibt es Perspektivwechsel, wenn es wichtig ist, auch die andere Sicht ins Spiel zu bringen? Man kann damit ja nach Belieben spielen. Entweder du schreibst in der auktorialen Perspektive und die ist absolut öde und distanziert. Oder in der Ich- oder personalen, dann bleibt dir nichts übrig, als bei dem jeweiligen Protagonisten zu bleiben.

Außerdem kannst du ja mit so grenzwertigen Mitteln wie Vermutungen arbeiten, wie du es selbst machst, wenn sich zwei Personen gut kennen:
»"Trotzdem." Stephan nahm sein Buttermesser und durchschnitt das Packband, das den Schuhkarton zusammenhielt. Das ungute Gefühl kam schon beim Anheben des Deckels und wurde noch stärker, als er das Holzkästchen herausholte. "Ich bin gleich wieder da."
Natürlich entging ihr nicht, dass er das Kästchen alleine öffnen wollte. Natürlich fragte sie sich, was er vor ihr verbergen wollte. Doch er nahm jedes Misstrauen gern in Kauf, wenn er verhindern konnte, sie und Henry keiner unnötigen Gefahr auszusetzen.

Das Kurive hier grenzt schon kkanpp an ein Perspektivproblem, aber du hast das raffiniert mit ›natürlich‹ entschärft. (abgesehen davon faällt mir eben auf, dass es beim Unterstrichenen ›einer‹ heißen muss, sonst wäre er ein übler Sadist :-)«

Dornpunzel schrieb:
Ist genau so, wenn mir eine Freundin erzählt, wie doof ihr (Ex-)Freund zu ihr war. Auch da erfahre ich nur eine Sichtweise.
Wenn es wichtig ist, auch seine Meinung zu erfahren, dann schieb doch eine Szene aus seiner Perspektive ein. In einer Szene kannst du beide Sichtweisen ohnehin nicht lösen. Es kann die Hauptfigur in Ich-P. sein, die zweite ebenfalls oder personal - geht ja alles. Bloß nie auktorial wo alles ein Mischmasch ist.


Dornpunzel schrieb:
Nutze ich diese Perspektive als Autor nehme ich mir doch zum großen Teil die Möglichkeit, dem Leser andere Personen und ihre Beweggründe/Geschichte/Charakter näher zu bringen. Gleichzeitig zeige ich ihm nur eine Wahrheit und zwar meine bzw. die meines Protagonisten. Finde ich nicht gut. Trifft natürlich auch dann zu, wenn es nur eine einzige personale Perspektive in einem Roman gibt.
*grins* Wo, bitte ist denn der Unterschied zwischen der Ich- und der personalen Perspektive außer ›er/sie‹ und ›ich‹ ...? Im Prinzip sagst du in diesem Absatz - allerdings elegant verschlüsselt - eh das gleiche wie ich. Nur ist da etwas in dir, das viel lauter ist und (bockig) ruft: »Ich will nicht so viel Nähe und ich will nicht bevormundet werden, also ist das nichts. Und damit bassa!«

Dornpunzel schrieb:
Es ist auch auffällig, dass 3/4 der Bücher, die meine Tochter (10) liest, in der Ich-Perspektive geschrieben sind. Ist das jetzt nur Zufall oder tatsächlich vermehrt so, dass diese Perspektive in Jugendbüchern häufiger genutzt wird? Und wenn ja, warum denn?
*doppelgrins* Nein, liebe Dornpunzel, das ist gar kein Zufall und hat auch mit Jugendbüchern nichts zu tun, sondern mit Bedürfnissen nach ... und hier ist der geneigte Leser dazu angehalten, selbst zu ergänzen *smile*
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Ich-Perspektive 01 Jun 2018 19:29 #6309

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Kann es sein, dass du einen Horror davor hast, geklammert zu werden?

Also, wenn du mich so fragst ... :whistle:


Wofür gibt es Perspektivwechsel, wenn es wichtig ist, auch die andere Sicht ins Spiel zu bringen?

Oh, Perspektivenwechsel mag ich (zu) sehr. Aber von der Ich-Perspektive in die personale? Gut, mag alles möglich sein, aber ich kann mir jetzt nicht wirklich vorstellen, dass mich das ansprechen könnte.

Nur ist da etwas in dir, das viel lauter ist und (bockig) ruft: »Ich will nicht so viel Nähe und ich will nicht bevormundet werden, also ist das nichts. Und damit bassa!«


Durchaus möglich, dass ich die Distanz der personalen Perspektive brauche. Beim Schreiben ganz sicher, da habe ich manchmal so schon das Gefühl, dass hin und wieder mehr Dornpunzel im Text landet, als mir das eigentlich lieb ist. Die Ich-Perspektive wäre mir da viel zu persönlich, da bin ich wohl nicht Profi genug, die (für mich) notwendige Distanz zu wahren.
Wenn ich so darüber nachdenke, ja, die Ich-Perspektive zu lesen ist nichts anderes, als würde mir jemand etwas erzählen und ich neige dazu, mir Erlebnisse anderer zu sehr zu Herzen zu nehmen. Das schleppe ich teilweise tage- und vor allem nächtelang mit mir herum. Ist vielleicht ein Abwehrmechanismus, die Perspektive zu meiden.
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Ich-Perspektive 01 Jun 2018 23:14 #6310

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Ich denke, jeder hat so seine Vorlieben und Abneigungen, Bereiche, wo er sich (un)wohl fühlt. Eigentlich heißt es ja immer, dass man versuchen sollte, möglichst nahe am Protagonisten zu sein. Solche Geschichten magst du aber nicht, weil die Gefahr besteht, dass sie dir zu nahe gehen, verstehe ich das richtig? Was wünschst du dir dann aber von einer Geschichte? Aus sicherer Distanz zu beobachten, was abgeht?

Dass von einem einiges drin ist, lässt sich wohl nie vermeiden, egal, in welcher Perspektive man schreibt. Allerdings frage ich mich, inwieweit das verkehrt ist. Ich habe bei meinem letzten, noch nicht veröffentlichten Roman ein interessantes Experiment gemacht, das dir sicher die Haare zu Berge schnellen lässt: Ich schreibe als Frau in der Ich-Perspektive. Hätte ich dir gern auszugsweise zum Lesen gegeben, aber ich will dich nicht krank machen :P Also mir hat es Spaß gemacht, auch wenn ich bei ein paar Szenen selbst heulend vor dem Monitor gesessen habe.
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Ich-Perspektive 02 Jun 2018 09:05 #6311

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Was wünschst du dir dann aber von einer Geschichte? Aus sicherer Distanz zu beobachten, was abgeht?

Och, nicht unbedingt. Ich möchte schon emotionale Geschichten, bei denen ich mit den Protagonisten mitfühlen kann. Bis zu einem gewissen Grad.
Ich habe mir jetzt aber mal, weil ich die Diskussion doch wirklich interessant finde, herausgesucht, welche Bücher ich in der Ich-Perspektive gelesen habe (das war eine Arbeit, die ganzen Regale zu durchforsten!). Meine Abneigung gegen diese Perspektive muss ja irgendwo einen Ursprung haben und ich verurteile eher selten etwas einfach aus einer Laune raus. Ich habe in der Vergangenheit einige Bücher in der Perspektive gelesen und irgendwann beschlossen, nein, nie wieder.

Finde ich interessant, was dabei herausgekommen ist. Die Bücher lassen sich nämlich in ganz genau zwei Gruppen einteilen, wobei es sich ausnahmslos um biographische Bücher handelt.
Die einen stammen von Überlebenden des Holocausts, die anderen aus dieser 'Schicksals-Phase', die ich vor ungefähr 20 Jahren mal hatte. Angefangen mit 'Nicht ohne meine Tochter' ging es weiter mit ähnlich gestrickten Büchern.

Vielleicht habe ich einfach bislang die falschen Bücher gelesen, am Ende wusste ich ja schon vorher, dass die Frau das arme, kleine, naive Hutzelchen war/ist und der arabische (Ehe-)Mann das personifizierte Böse. Es könnte also durchaus sein, dass sich das in meinem Kopf an die Ich-Perspektive geknüpft hat, an die Bücher habe ich mich bis gestern gar nicht mehr erinnert. Hatte ich verdrängt. :P


das dir sicher die Haare zu Berge schnellen lässt: Ich schreibe als Frau in der Ich-Perspektive.

Nein, mein Lieber, da schnellt überhaupt nichts. B)
Ich kann mir zwar vorstellen, dass das in der Ich-Perspektive noch einmal eine größere Herausforderung ist, aber meine Protagonisten sind zu 90% auch Männer. Genau genommen gibt es ganz genau einen, in dem eine Frau die Hauptrolle spielt und mit ihren Kapiteln tu ich mir richtig, richtig schwer.

Warum genau hast du die Perspektive denn gewählt? Wegen der Herausforderung oder weil die Geschichte nur als Frau zu erzählen war? Ich mein, dass ich als Frau überwiegend männliche Protas habe ist ja nicht so ungewöhnlich, aber ich habe noch nie gesehen, dass ein Mann die Perspektive einer Frau einnimmt.
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Ich-Perspektive 02 Jun 2018 09:49 #6312

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Dornpunzel schrieb:
Warum genau hast du die Perspektive denn gewählt? Wegen der Herausforderung oder weil die Geschichte nur als Frau zu erzählen war?
Warum ist eine gute Frage, aber beantworten kann ich sie dir nicht. Geschichten umwabern mich wie Wolken. Manchmal bleiben die Wolken hängen und verdichten sich so weit, dass ich sie schreibe. Vielleicht zu vergleichen mit echten Wolken, die manchmal an einem Berg hängen bleiben und sich ausregnen und dann wieder nicht. Oft nicht und dann bleiben sie minimal oder ein wenig mehr angefangene Geschichten. Diese hier hat einen hohen Berggipfel erwischt und der hieß NaNoWriMo 2017, das Buch war in 17 Tagen fertig.
Vielleicht gibt die Rolle der weiblichen Protagonistin die Möglichkeit genug zu dissoziieren, dass nicht zu viel von mir drin ist, was schwer geschehen kann, wenn ich von einer Frau als ›ich‹ schreibe. Vielleicht wollten auch mal nur meine Weiblichen Anteile offiziell das Sagen haben.

Dornpunzel schrieb:
Ich mein, dass ich als Frau überwiegend männliche Protas habe ist ja nicht so ungewöhnlich, aber ich habe noch nie gesehen, dass ein Mann die Perspektive einer Frau einnimmt.
Vielleicht liegt das daran, dass Frauen von Haus aus flexibler sind? Deshalb spricht man ihnen ja auch Multitasking zu und findet praktisch nur sie in bewusstseinsbildenden Seminaren. Männer sind üblicherweise wenigschichtiger und starrer, was aber wieder andere Vorteile hat. Ich finde bei mir beide Anteile einigermaßen ausgewogen, weshalb es einfach interessant ist, auch mal dem anderen Teil seine Stimme zu geben.


Wieso tust du dir mit den Protagonistinnen-Kapiteln schwer?
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Ich-Perspektive 02 Jun 2018 10:32 #6313

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Vielleicht gibt die Rolle der weiblichen Protagonistin die Möglichkeit genug zu dissoziieren, dass nicht zu viel von mir drin ist, was schwer geschehen kann, wenn ich von einer Frau als ›ich‹ schreibe.

Das ist für mich nun ein sehr gut nachvollziehbarer Grund. :)

Ich bin schon sehr gespannt, wie die Reaktionen und Verkäufe sein werden. Ich finde es gut, dass du dich auf dieses 'Experiment' eingelassen hast, aber ich habe bislang doch schon häufig die Erfahrung gemacht, dass die Flexibilität der Frauen Grenzen hat. Es mag Vertreterinnen unserer Spezies geben, die es Männern schlichtweg nicht zutrauen, die Perspektive einer Frau einzunehmen oder unsere Gedankengänge auch nur halbwegs zu verstehen. Ist genau so Humbuk wie das teilweise vorhandene Vorurteil, Frauen könnten nur 'leichte Kost' schreiben.

Wieso tust du dir mit den Protagonistinnen-Kapiteln schwer?

Bei denen fange ich an zu denken. Hört sich jetzt vielleicht erstmal albern an, ist aber so. Ich bin ein Bauch-Schreiber, tippe die Szenen so runter, wie sie mir in den Sinn kommen. Die bleiben dann in aller Regel auch so, wie sie sind mit minimalen Anpassungen im Korrekturlauf.
Bei diesen Kapiteln aber neige ich dazu, bei der Korrektur ganz genau zu überlegen ob sie dies und jenes tun oder sagen sollte, ob sie nicht zu perfekt wirkt, unrealistisch, wie auch immer. :augenroll:
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Ich-Perspektive 27 Aug 2018 16:56 #6580

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Den Thread muss ich grad nochmal hochholen: Ich habe es getan. Mir höchst freiwillig und aus Überzeugung einen Roman gekauft, der in der Ich-Perspektive geschrieben ist. Weil mich Thema und Leseprobe überzeugt haben.
, aber
Es geht um 'VOX', vielleicht hat der ein oder andere schon was von dem Roman gehört? Nun, es geht darum, dass in den USA ein Vollpfosten zum Präsidenten gewählt wurde (Parallelen mit der Ist-Situation sind sicher nicht aus Versehen) und der Meinung ist, Frauen sollten nicht so viel reden. Als Frau springe ich natürlich drauf an, wenn ich lese, dass Frauen (genauer gesagt jedes weibliche, menschliche Wesen ab drei Monaten) in den USA nur hundert Wörter am Tag sprechen dürfen. Das ist die Dystopie schlechthin. Kontrolliert wird das durch einen Wortzähler am Handgelenk, bei Zuwiderhandlung werden Stromstöße ausgelöst. Es gibt noch einige Schikanen mehr, aber es geht ja um die Perspektive.

Anfangs fand ich sie für dieses Thema perfekt gewählt. Grundsätzlich kann ich immer noch gut damit leben, aber je mehr ich lese, desto mehr fehlt mir eine zweite Perspektive. Eine, die meiner Meinung nach noch mehr Potential gehabt hätte als die der Frau.

Man erfährt einfach nicht, was in den Männern vor sich geht. Warum schauen die Männer eines Landes dabei zu, dass ihre Frauen mundtot gemacht werden, ihre Mädchen in der Schule nichts mehr Gescheites lernen, Kleinkinder gar nicht mehr richtig sprechen lernen, weil sie lernen, dass sie nicht sprechen dürfen? Sie sind auch Väter, die daneben stehen und zusehen, dass ihre Töchter in der Schule an Wettbewerben teilnehmen, wer der ganzen Tag am wenigsten spricht. Warum?

Die Protagonistin erzählt immer nur, wie schwach ihr Mann ist. Dass er ein Mitläufer ist. Keinen Mut hat - anders als ihr Geliebter natürlich. Aber die Gründe? Fehlen mir. Zumal die Protagonistin mit der Zeit ... anstrengend wird. Egoistisch und selbstverliebt, wenn man es genau nimmt. Was mir auch fehlt, ist die Vorgeschichte. Wie es so weit kommen konnte, aber vielleicht wird das ja noch aufgelöst.

Kurz gesagt: Dieser Roman hat auf jeden Fall Pluspunkte für die Ich-Perspektive bei mir gesammelt, weil er zumindest auf den ersten Seiten das Potential dieser Perspektive hervorragend ausgeschöpft hat.
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Ich-Perspektive 28 Aug 2018 11:38 #6588

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Dornpunzel schrieb:
Kurz gesagt: Dieser Roman hat auf jeden Fall Pluspunkte für die Ich-Perspektive bei mir gesammelt, weil er zumindest auf den ersten Seiten das Potential dieser Perspektive hervorragend ausgeschöpft hat.
Haha, aufgrund deines Vortextes hätte ich das Gegenteil erwartet :)

In diessem Fall wäre sicher aine zweite Perspektive sinnvoll, meine ich. Auch scheint es etwas klischeeig herzugehen - Klischees sind zwar manchmal praktisch, weil sie einen kurzen Weg zum Gemüt bedeuten, aber nicht in der Grundstruktur.

Hast du mal Lust, aus (oder auch den ganzen) meinem unveröffentlich 'Airport Madrid' Ich-perspektive, Frau, was zu lesen?

Liebe Grüße
Martin
Letzte Änderung: 28 Aug 2018 11:47 von Martin.
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Ich-Perspektive 28 Aug 2018 14:01 #6590

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Haha, aufgrund deines Vortextes hätte ich das Gegenteil erwartet :)

Ich stecke eben voller Überraschungen. B)

Ja, hat mich ins Grübeln gebracht, muss ich zugeben. Aber wenn ich mir die Frage stelle, ob die personale Perspektive die Lösung aller Probleme gewesen wäre, muss ich sagen, sicher nicht. Die gäbe es auch noch, hätte die Autorin die personale Sicht der Protagonistin gewählt. Dann muss ich sagen, dass die Ich-Perspektive hier besser funktioniert als die personale. Vor allem am Anfang, wo die Prota kaum sprechen kann und logischerweise auch Dialoge fehlen.

Klar, Klischee lässt sie kaum eines aus und inzwischen flacht das Buch auch immer mehr ab, was ich echt schade finde.

Hast du mal Lust, aus (oder auch den ganzen) meinem unveröffentlich 'Airport Madrid' Ich-perspektive, Frau, was zu lesen?

Na aber sicher! Ich habe auch schon ein oder zwei? Kapitel gelesen in der Werkstatt. Ich muss aber ehrlich sein, am besten ist mir in Erinnerung, wie gut du die Probleme mit hohen Schuhen geschildert hast. :oops:
Fand ich aber insgesamt interessant, weil ich das Gefühl hatte, dass da irgendwas passiert sein muss zwischen der Schuhszene und er am Flughafen, wenn ich das auf die Schnelle noch richtig hinbekomme. War da was mit einer Krankheit? Oder habe ich da nur drüber nachgedacht? :kopfkratz:
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Ich-Perspektive 29 Aug 2018 13:08 #6598

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Ich finde Ich-Perspektive ein sehr spannendes Thema. Es ist selten, dass man ein Buch mit einer guten Ich-Perspektive findet - zumindest im Jugendbuchbereich.
Woran das liegt?
Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass die Ich-Perspektive bei vielen Autoren Standard geworden ist und als die einfachste Perspektive angesehen wird.
Dabei stimmt das meiner Meinung nach nicht. Der Charakter braucht in der Ich-Perspektive eine starke Stimme, damit es erstens interessant ist, das Erleben aus seiner Sicht mitzubekommen, und zum anderen, damit man nicht den Autoren heraushört.

Für mich hat die Ich-Perspektive mittlerweile einen faden Beigeschmack, weil zahllose Romantasybücher aus der Sicht eines nervigen, naiven Mädchens geschrieben wurden, die ein sehr fragwürdiges Frauenbild vertreten. Aber das ist wiederum ein anderes Thema :D

Was ich eigentlich sagen will: ich glaube viele unterschätzen die Ich-Perspektive, oder schreiben aus der Ich-Perspektive, weil sie sich der Alternativen nicht bewusst sind.

"Der letzte Engel" von Zoran Drvenkar hat einen sehr schönen Ich-Erzähler, finde ich. Allerdings bedient er sich in seinem Buch auch noch der personalen und auktorialen Perspektive. Das ist sehr interessant zu lesen!
"Der Name des Windes" von Rothfuss hat auch einen Ich-Erzähler, allerdings auktorialer Ich-Erzähler und da funktioniert es sehr gut, finde ich, vor allem, weil es ein wenig ungewöhnlich ihm Highfantasy Genre ist :D
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Ich-Perspektive 13 Okt 2018 20:01 #6790

Ich habe gerade das Joshua Profil von Fitzek gelesen. Er springt darin zwischen den Perspektiven hin und her. Das finde ich eigentlich sehr cool, da man so verschiedene Blickwinkel mitbekommt. Aber man muss es auch können, sonst geht die Rechnung schnell nach hinten los.

Bücher in der Ich Perspektive lese ich am liebsten und selbst schreibe ich auch meist darin. Ich finde, man ist näher am Geschehen.
Klar, kommt es dabei auch auf das Buch an, aber wenn ich mit Christiane F auf dem Bahnhofsklo sitze und sie die dreckige Nadel in der öffentlichen Toilette säubert um sich danach damit einen Schuss zu setzen, brauche ich einfach die Ich Perspektive. Genauso wie bei den Psychothrillern, die ich lese. Im Kopf eines Psychopathen zu stecken und zu denken was er denkt, finde ich klasse. :-)
Es gibt schlechte Autoren und es gibt gute Autoren!
Und dann gibt es noch diejenigen, die vom Stift Gottes berührt wurden!
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