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Von ersten Sätzen und Abschlüssen bis zum Spannungsaufbau und zur Glaubhaftigkeit

THEMA: Das Rad neu erfinden

Das Rad neu erfinden 18 Aug 2019 21:18 #10182

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Hallo zusammen,

geht es euch manchmal auch so? Ihr schreibt eine Szene oder wollt sie schreiben und stellt fest: Das gab es schon tausendmal. Egal, wie ihr es dreht und wendet, alles wirkt bekannt, ausgelutscht, überladen mit Klischees und scheint damit auch völlig vorhersehbar.

Bei mir geht es gerade darum, dass x und y sich kennenlernen sollen. Zig Versuche, zig Überlegungen, alle mit der Erkenntnis, das ich das schon irgendwo gesehen, gehört oder gelesen habe. Langweilig, Offenbarungseid. Warum bekomme ich das nicht besser hin? Warum ist da nicht die Idee, die es so noch nicht so oft gab, die nicht wirkt wie ein Schild auf der Autobahn, das genau angibt, in welche Richtung es geht.

Wie geht ihr mit solchen Situationen um? Einfach irgendwas schreiben, der Szene vielleicht durch die Protas etwas Besonderes geben, das sie dann doch wieder einzigartig macht? Oder könnt ihr euch, wie ich, derart daran aufhängen, dass ihr erstmal gar nicht mehr weiterkommt?
Für den ultimativen Masterplan, wie man mit solchen Szenen umgeht, wäre ich sehr dankbar. Also wenn ihn jemand hat, nur her damit. :lol:

Schöne Grüße
Kerstin
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Das Rad neu erfinden 19 Aug 2019 22:57 #10184

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Hi Kerstin,

in der Tat ist es nicht einfach, etwas millionenfach Geschehenes und tausendfach Gelesenes/Gesehenes originell zu machen. Ich bin seltsamerweise in so eine Situation noch nie gekommen. Aber was würde ich, wenn ...? Was wäre damit, auf selbst Erlebtes zurückzugreifen? Oder Freunde/Bekannte zu fragen, wie und wo es bei ihnen war, als sie sich zum ersten Mal begegneten?

Ich denke, schwer macht auch der Anspruch mancher Ratgeber, es müsse ›glaubwürdig‹ sein. Nur - das Leben ist oft alles andere. Ich weiß nicht, warum es immer heißt, alles müsse ›vorbereitet‹ sein, d.h. es darf nichts aus dem blauen Himmel heraus geschehen. Finde ich völlig blöd, denn Dinge passieren nun mal so.

Ich denke zurück an erste meiner Begegnungen. Es war oft etwas Magisches mit von der Partie. Klar, man kennt sich ja noch nicht und in diesem allerersten Stadium ist am anderen alles neu. Da gibt es noch keine Gewohnheiten, keine Vorsicht, ›wieder‹ dort hineinzutappen. Stichwörter der abartigsten Art geben Anlass für Staunen, Ähnlichkeiten werden entdeckt und vielleicht auch Ernüchterungen erlebt.

Jede Szene ist besonders, die Figuren sind es auch. Sind sie es nicht, hilft vielleicht ein bisschen Figurenblattarbeit, um sie besser kennenzulernen. Da findet sich sicher auch etwas für solche Situationen, wenn man deren Lebenslauf und Verhältnisse besser ›kennenlernt‹.

Liebe Grüße
Martin
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Das Rad neu erfinden 20 Aug 2019 12:08 #10187

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Hi Kerstin!

X trifft Y ist natürlich in der Basis immer irgendwie gleich. Wissenschaftlich gesehen, braucht es weniger als 1,8 Sekunden, um festzustellen: Das passt, oder das passt nicht (wenn sie sich persönlich begegnen). Neben der Chemie, die stimmen muss (oder eben auch nicht, kommt ja auf die Begegnung an), geht es eben um die zweite Ebene, auf der sich die Begegnung abspielt: Das Drumherum. Diesen "Drumherum" macht es - meiner Ansicht nach - zu etwas Besonderem für die Protas und damit auch für den Leser. Mancher wird sich erinnert fühlen. Aber das finde ich jetzt nicht weiter dramatisch, eher ein Wiedererkennen - was meist zu einem positiven Gefühl gezählt wird. Der Augenblick wird magisch, wenn Du die Magie beschreibst, die wirkt. Und damit wird es letztlich wieder einmalig. Und diese Magie ist letztlich bei jeder Deiner Figuren wieder anders. Entsprechend sind die Möglichkeiten eigentlich unbegrenzt. Wie gesagt, Wiedererkennung ist nicht immer unbedingt das Schlechteste, was Du einem Leser bieten kannst - meiner Meinung nach.... Mach Dich nicht verrückt. Schreib einfach mal auf...


Liebe Grüße
Ela
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Das Rad neu erfinden 21 Aug 2019 21:00 #10194

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Hallo ihr,

eure Gedanke haben mir, nach einigen Grübeleien, sehr weitergeholfen. Manchmal wirkt ein bisschen Input von außen wirklich eine ganze Menge. Vielleicht ist es ja für den Leser wirklich ein kleineres Problem als für mich, schon am Anfang zu ahnen, 'die zwei kriegen sich' oder es zu hoffen. Kann auch ein Anreiz sein, weiterzulesen.
Das war ja auch noch so ein Ding. Bei allen möglichen Varianten, die ich ausprobiert und verworfen habe, stand am Ende auch immer: Da ist doch sofort klar, dass die zwei sich kriegen, kriegen wollen, sollen, wie auch immer. Hat mich gestört. Aber ich muss es ja 'nur' so verpacken, dass sich der Leser da nie so ganz sicher sein kann. :whistle:

Na, ich bin mal gespannt, wo mich das noch hinführt. Vorerst habe ich es bei meinem ersten Gedanken des ersten Treffens gelassen, das ich vielleicht doch die Tage mal einstellen werde. Wenn ich Glück habe wirkt es auf andere ja womöglich doch nicht so vorhersehbar und ausgelutscht, wie befürchtet.

Schöne Grüße
Kerstin
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Das Rad neu erfinden 21 Aug 2019 23:40 #10196

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Hey Kerstin,

ja, ja, das ist so ein (Un)ding, wo zwei Sachen einfach nicht zusammengehen: Einerseits heißt es, die Hauptfiguren sollen gleich eingeführt werden, womöglich noch im ersten Absatz, aber niemand soll wissen, dass sie zusammenkommen. Das ist eine dieser seltsamen ›Regeln‹, bei denen ich mich frage, wer sich so einen Quatsch ausdenkt.

Eine Hauptfigur am Anfang, okay, aber was spricht dagegen, wenn die zweite Figur erst viel später auftaucht, die erste verdrängt, sich dann ganz hinten als faules Ei entpuppt und es doch die erste wird? Solce Verwirrspiele fände ich spannend. Aber nicht so, wie man es fast ständig liest.

Liebe Grüße
Martin
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Das Rad neu erfinden 22 Aug 2019 08:46 #10198

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Guten Morgen,
Unbekannter weise gebe ich einfach meinen Gedankenspiel-Senf dazu.

Wie wäre es; wenn zwei nicht weiter beschriebene 'Akteure' etwas machen, was unmittelbar zur Erwähnung der Hauptfigur/en führt. (Name oder deren Rolle/Aufgabe – Dieb, Freund, ...)

Wie gesagt, diese handelnden Akteure werden nicht weiter vorgestellt, aber was sie machen und für wen sie es machen – wird genau beschrieben.
Zum Beispiel: Schnittchenschmieren für Ulla. Hemdenbügeln für Henning.

Ziel: Hauptperson/en wurden erwähnt, obwohl sie sich in der Szene noch nicht begegnet sind.
Wie gesagt ist nur ein Gedankenspiel.

Viele gute Einfälle
Admelo
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Das Rad neu erfinden 22 Aug 2019 16:56 #10212

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Hallo,

ja, solche Verwirrspiele mag ich auch gerne, Martin. Daran mangelt es meinen Romanen in der Regel auch nicht. :) Das Problem hier ist, dass ich zwei Geschichten parallel erzähle. Die Annes und die der großen Liebe ihrer Großmutter. Dieser Teil des Romans wird recht straff erzählt, deswegen treffen sich die beiden auch schon ganz zu Anfang ihrer Geschichte. Ein paar Überraschungen und unerwartete Wendungen habe ich aber natürlich in der Hinterhand. Nur mit dem Anfang tu ich mir einfach schwer, ich mag das so gar nicht, ausrechenbar zu sein.

Auch dir, Admelo, vielen Dank für die Rückmeldung. :) Deinen Vorschlag habe ich auch tatsächlich schön häufiger in meinen Romanen gehabt. Das letzte Mal ist noch gar nicht so lange her und wenn ich es ganz genau nehme, habe ich das in diesem Projekt sogar auch gemacht und die Großmutter - eine der beiden Hauptpersonen - erwähnt, ehe sie die Bühne betreten hat.

Mit diesen 'Regeln' ist es halt so eine Sache. Sie haben wohl größtenteils ihre Berechtigung, ich kann sie teilweise auch verstehen, aber gleichzeitig bringt doch jede Regel genau das mit sich, was wir eigentlich vermeiden wollen: Dass es vorhersehbar wird. Wenn drei plus zwei fünf ist, ist es keine große Überraschung mehr, was bei zwei plus drei rauskommt.
Da gehe ich lieber etwas andere (Um-)Wege, die natürlich dann darin enden können, dass der Leser enttäuscht ist, weil seine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Bei mir gibt es nicht zwingend ein Happy End, was auch nicht jedem gefällt. Ach ja.

Schöne Grüße
Kerstin
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