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THEMA: Beschreibungen

Beschreibungen 20 Dez 2015 21:17 #4094

  • Sheila
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Hallo,

ich habe heute das Buch von Gisbert Haefs *Mörder und Marder* angefangen. Es handelt von einem Philosophen, der zum Privatdetektiv mutiert ist und einen Mord unter anderen Philosophen mit wunderlichen Berufen (Hexe, Tierverleiher, Auftragsdichter, eine hochbezahlte Portraitrice, die alles nur nicht malen kann, Bestatter mit Privatfriedhof, Allround-Scharlatan usw).
Wunderschön sind die Wortspiele im gehobenen Stil, die Balthasar Matzbach führt, aber auch nicht gerade leicht zu lesen (also so, in einem Rutsch!). Aber besonders gelungen (bis auf einige Details) finde ich die Charakterbeschreibungen, die ich als *anders* als üblich empfinde und euch nicht vorenthalten möchte:


Hoff starrte ihn an: zwei funkelnde Löcher in einer Maske aus der attischen Klamödie.

Matzbach schloß die Augen und sah die Stimme: ein venezianischer Dolch aus rauchigem Glas, mit abgewandter Schneide. Er blinzelte, musterte das Gesicht der Frau, die eben die Wange an Henrys legte. Alles schien ein wenig überbetont: Die Haut zu sahnig, aber ohne Kosmetik; die Fragezeichen der Brauen zu ebenmäßig in der Wölbung, darunter das Sprühen der Augen zu grün; die Lippen zu voll, aber nicht geschwollen. ... die Frau mußte mindestens einsachtzig sein. Zwischen dem Schnee und der gilbenden Hausfassade war ihr hüftlanges Haar wie Mahagoni bei Sonnenuntergang, und Balthasar fragte sich, wie es an einem klaren Herbstmorgen sein mochte. ... Unter dem ausgeleierten Alpaka-Pullover war etwas zuviel Fleisch, und sie bewegte sich ein wenig zu sehr wie ein großes exotisches Raubtier. Alle Details waren überzeichnet, aber der Gesamteindruck schien eher untertrieben - ein understatement opulenter Einzelheiten, die von etwas Großem und Wichtigem ablenken sollten.

Schuster richtete sich halb auf. Das teigige Gesicht war ein Fragezeichen, der Mund ein Strich der Gedankenlosigkeit, das Kinn ein Apostroph, das den Fragelaut ersetzte.

Das Haar war dunkelbraun und kurz, die braunen Augen lächelten mit, und die leicht nach links weisende, angestupste Nase gab dem Ganzen jenen Charme, den die Klassik der anderen Gesichtsteilen nicht besessen hätten. ... "Ich muss gestehen, dass ich beim Anblick Ihrer extralangen Beine hin- und hergerissen bin zwischen schlichter Bewunderung und Schüttelfrost wegen der allgemeinen Temperatur. Im Haus und draußen."



Was mich bisher am Buch nervt sind die Ungenauigkeiten. Wie z B. in der Beschreibung:

*exotisches Raubtier* - das kann von einem Löwen/Tiger über eine Felsenpython oder ein Krokodil oder Hyäne alles sein. Und ich wäre nicht unbedingt über jeden Vergleich erfreut, würde es mich betreffen ;)

Oder dass einmal von einem Marder (dann gehe ich von einem Stein- oder einem Baummarder aus), Iltis und Wiesel/Hermelin die Rede ist und immer ein und dasselbe Tier gemeint ist. Da kommt absolut kein Bild auf, was nun gemeint ist :zornig:

Aber wer an gehobener Sprache, schrulligen Charakteren und ungewöhnlichen Beschreibungen mit einem Mord in der Eifel Spaß hat, ist mit dem Buch gut bedient.
Liebe Grüße

Sheila
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Beschreibungen 20 Dez 2015 22:21 #4097

  • Martin
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Coole Beschreibungen, wirklich wahr :-)
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Beschreibungen 21 Dez 2015 08:41 #4098

  • ernstbay
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Noch besser als die tollen Beschreibungen haben mir die Berufsbezeichnungen gefallen: Hexe, Tierverleiher, Auftragsdichter, eine hochbezahlte Portraitrice, die alles nur nicht malen kann, Bestatter mit Privatfriedhof, Allround-Scharlatan.

Jede Bezeichnung Grund, eine Kurzgeschichte darauf zu schreiben!

Herzliche Grüße - und danke Sheila für diesen Hinweis
Ernst
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