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THEMA: Vernunft gegen Herzblut

Vernunft gegen Herzblut 22 Mär 2016 15:13 #4212

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Hallo ihr Lieben!

Ich wende mich heute mit der Bitte um eure Meinungen an euch, da ich im Augenblick ein Problem habe, das mir im wahrsten Sinne des Wortes Magenschmerzen bereitet. Um euch die ganze Sache zu erklären, muss ich allerdings ein wenig ausholen ...

Es gibt doch bestimmt für jeden von euch (oder zumindest für die meisten) DIE Geschichte; die eine, für die ihr alles tun würdet, die unbedingt geschrieben werden muss und wegen der ihr bestenfalls sogar zu Schreiben begonnen habt, oder? ;)
Nun, für mich heißt diese Geschichte Ben Doverund wurde letztes Jahr im Sommer in Deutschland veröffentlicht. In groben Zügen geht es um einen rebellischen Teenager-Telepathen, der von einer Geheimorganisation mit fragwürdigen Mitteln zu einem Agenten bzw. Söldner erzogen wird, was er nicht so ganz unbeschadet gerade noch überlebt.
Nun strecke ich ja bereits seit geraumer Zeit meine Fühler nach Amerika aus, das erste Buch wird in wenigen Tagen durch einen in meinem Genre ungemein großen Verlag erscheinen.
Nach der Veröffentlichung von Ben Dover ließ ich das Buch übersetzen und bot es dem amerikanischen Verlag an. Am Sonntag bekam ich das nach US-Regeln lektorierte Skript zurück, selbstverständlich mit einer Menge Änderungsforderungen. Die meisten davon stellen überhaupt kein Problem dar, da geht es um Timeline oder das Alter der Protagonisten, um sachliche Verbesserungen. Die dritte "große" Forderung allerdings betrifft meinen Ben selbst - ich soll seinen Charakter ändern. (Und damit zusammenhängend die "Erziehungsmethoden" der Organisation, die unter anderem auch Folter wie Waterboarding beinhaltet.) Durch eine Schlägerei mit einem Ausbilder trug Ben eine Verletzung des präfrontalen Cortex davon und zeigt seitdem durchaus psychotische Züge. (Daher neulich meine Frage, wie viel A***loch ein Protagonist sein darf, damit ich im zweiten und allen folgenden Teilen nicht übers Ziel hinausschieße. ;) )

Versteht mich bitte nicht falsch, es macht mir nichts aus, ein Buch notfalls komplett neu schreiben zu müssen - habe ich alles schon erlebt. Nein, hier geht es um mehr. Es ist für mich eben die Geschichte, und Ben ist der Charakter, der eine, der mir seit Jahren im Kopf herumspukt und dem mein gesamtes Herzblut gehört.
Ich gebe durchaus zu, dass einige Szenen extrem sind; sowohl Bens Verhalten als auch die Reaktionen der Organisation darauf sind nichts für zarte Gemüter.

Okay, genug der Erklärungen. Mich würde eure ganz persönliche Meinung interessieren: Wie würdet ihr entscheiden? Würde bei euch die Vernunft siegen - würdet ihr einen Charakter völlig umschreiben und damit die Möglichkeit einer weltweiten Veröffentlichung wahrnehmen? Oder würde euer Herzblut gewinnen - würdet ihr den Charakter so lassen, wie er ist und damit eine Verlagsveröffentlichung ausschlagen? Und wenn ja, was dann? Ein Cover kreieren und es selbst veröffentlichen? Oder etwas ganz anderes?

Ganz liebe Grüße,
Lena
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Vernunft gegen Herzblut 22 Mär 2016 15:58 #4213

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Hallo Lena

Die Entscheidung in dieser für Dich so wichtigen Sache kann Dir natürlich niemand abnehmen. Für mich stellt sich Deine Ausgangslage in etwa so dar:

1. Steht der mögliche Erfolg und das mögliche Geld im Vordergrund wäre ein Umschreiben wohl angezeigt.

2. Steht die Liebe zu genau der bisher geschriebenen Story im Vordergrund, müsste jede Änderung nach ihrer Wichtigkeit gewichtet werden und dann angenommen oder verworfen werden. Das könnte das Ende des Buches in den USA bedeuten.

3. Gibt es einen Zwischenweg? Z.B. Die Geschichte von Ben gibt es schon, aber eine ähnliche die den Wünschen des Verlages entspräche wäre für den Verlag akzeptabel?

4.Wäre es möglich, die Geschichte in Deutsch als Original und die Übersetzung als amerikanische Variante darzustellen. Du könntest im Lebenslauf auf Deine deutsche Geschichte hinweisen und dabei die amerikanische »Variante« als dem amerikanischen Geschmack angepasst darstellen. Vorteil: Deine originale Geschichte bleibt erhalten, also auch Dein Herzblut das in ihr steckt. Bei dieser Option wäre eine Überarbeitung für Dich vielleicht möglich.

Da gäbe es natürlich noch viele Zwischenschritte, aber sie laufen wohl alle in die ähnliche Richtung.

Ich selber würde wohl zu Option 4 tendieren. Aber eben, das ist sehr persönlich.

Gruss
Walter
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Vernunft gegen Herzblut 22 Mär 2016 16:11 #4214

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Liebe Lena,

damit sprichst du ein großes Thema an, das mich auch beschäftigte: die Gängelung durch Verlage. Verlage - jedenfalls die großen - sind nur an einem interessiert: Umsatz mit gutem Ertrag. Ob Waffen, Kekse, Windeln oder Bücher: Es geht bei Firmen üblicherweise (soll heißen: praktisch immer) nur um kaufmännische Belange. Bei Verlagen sieht das so aus, dass man entweder Lizenzen aus dem Ausland kauft (haben sich dort bewährt), sich auf bereits erprobte Autoren einlässt (haben sich ebenfalls bewährt) oder - und das scheint nun deine Gruppe zu sein - auf Genreverträglichkeit (hat sich auch bewährt). Das heißt, dass ein Werk der Vorstellung des Verlags entsprechen muss, die sich wiederum am Markt orientiert. Nur sehr große Verlage haben noch ein wenig Experimentierspielraum, in dem sie Neues erproben. Und dort muss man auch noch das Glück haben, dem passenden Lektor bei passender Laune zu begegnen - unwahrscheinlich.

Verlagslektoren sind schon lang keine Lektoren mehr, die einem Buch den (letzten) Schliff geben, sondern sie sind reine Manager. Und die wirkliche Lektoriatsarbeit machen Volontäre ...

Ein wenig kommt bei deiner Frage auch Philosophie ins Spiel mit dem Thema Weltveränderung. Will man sich als kleines Rädchen einfügen, damit eventuell bescheidenen finanziellen Erfolg haben und sicher an keiner größeren Änderung teilhaben oder möchte man sich selbst kennenlernen und erproben?

Schließlich ist es auch ein wenig eine Frage von Mut und Möglichkeiten. Oder besser von Mut alleine. Denn wenn man hinter sich steht, dann ergibt sich auch, was sein soll.

Als Antwort kann ich dir nur sagen, was ich tun würde bzw. tue. Meine Themen sind abseits des Mainstreams. Garantiert erginge es mir genauso wie dir, wenn ich mich mit einem Verlag einließe. Meine Figuren sind genauso mein Herzblut und ich würde jedem Lektor auf die Finger klopfen, der gröber etwas verändern wollte, womit der Sinn verschoben würde. Für mich ist Schreiben ein Fließenlassen meiner selbst. Wenn das rund hinausfließt, es dann von irgend jemandem aus rein ökonomischen Gründen in einen Kubus gießen lassen? Wirklich nicht. Vielleicht klingt das jetzt ein wenig revolutionär, dnn ich bin ein Anti-Mainstream-Mensch. Was der Mainstream anrichtet, das sehen wir ja rundherum. Da kann man einfach nicht mit, wenn man ein wenig (Eigen)Verantworungsgefühl hat.

Die Alternative zum Verlag ist Selfpublishing und ich finde das eine tolle Sache. Klar muss man dafür weiterlernen und auch Dinge tun, die nicht direkt Schreiben sind, aber dafür gibt es ja z.B. die SP-Ecke im Patchworkforum, in der Leute sind, die Erfahrung haben. Dort kann man lernen und weitergeben. Auch vollzieht sich ein großer allgemeiner Wandel, bei dem Verlage eine immer kleinere Rolle spielen. Schließlich denke ich, dass es andere Zusammenschlüsse - Autoren untereinander - geben wird, wodurch etwas Neues und Selbstbestimmtes und damit Besseres entstehen kann.

Aber es gäbe ja noch eine Option, keine Ahnung, ob du dafür Lust und Zeit hast: dein Buch so machen, wie du es dir vorstellst und für den Verlag etwas Gesondertes schreiben, wie der es will.

Viele Grüße
Martin
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Vernunft gegen Herzblut 22 Mär 2016 17:40 #4215

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Hallo Walter, hallo Martin!

Herzlichen Dank für eure Antworten! Ob ihr es glaubt oder nicht: Ihr habt mir tatsächlich enorm weitergeholfen!

Walter, Du hast völlig recht: Die deutsche Version bleibt ja von der US-Version völlig unberührt. Die Geschichte wird also trotzdem genau so weiter existieren, wie ich sie ursprünglich geschrieben habe. Manchmal sieht man vor lauter Grübeln einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht. Auf diese Idee wäre ich in hundert Jahren wohl nicht gekommen.

Martin, Deine Antworten stecken jedes Mal voller Anregungen, es ist eine wahre Freude! Natürlich ist es richtig, dass Verlage einzig den Kosten-Nutzen-Faktor und die Zahlen sehen wollen, die unterm Strich bei einer Veröffentlichung herauskommen. Aber daran sind m.A.n. eine Handvoll alteingesessene, große Verlage schuld, die jeden "neuen" Autor mitleidig belächeln. Der Autor, sofern er nicht gerade King, Rowlings oder Ward heißt, bleibt dabei in irgendeiner Form auf der Strecke. Und natürlich kommen Lektoren in großen Verlagen kaum noch selbst zum lektorieren. Andererseits gibt es auch genügend "kleine" Verlage, in denen es noch ein wenig anders läuft. ;) Und ich glaube, es werden immer mehr, die den "großen" dann auch irgendwann die Autoren wegschnappen können.

Das Schlimmste, was meiner Erfahrung nach einem Autor passieren kann, ist, dass er sich verbiegt, um den Lektor zufriedenzustellen. Ich musste bereits einmal einen Charakter völlig umschreiben, weil er nicht den Geschmack des Lektors getroffen hat. Das Ergebnis war ein Buch, mit dem alle glücklich waren. Alle - außer mir. Gerade deshalb hat mir die "US-Lektoratsanweisung" solche Magenschmerzen verursacht. Man investiert gern Zeit und Kraft in eine Überarbeitung, aber sie sollte einem danach immer noch gefallen. Wie Du völlig richtig sagst, man muss man selbst bleiben und hinter seinem Baby stehen können, auch gegen den Mainstream. Oder gegen die Lektorenmeinung.

Sicher mag das Selfpublishing eine sehr gute Alternative sein, aber ich fürchte, gerade in den USA ist es schwer, in der Menge nicht unterzugehen. Es ist ja hierzulande schon eine Katastrophe, wenn man sieht, was alles bei amazon angeboten wird. Plötzlich meint jeder, der eine Tastatur bedienen kann, er sei Autor. Ob der Text nun von Rechtschreibfehlern wimmelt, Logik ein Fremdwort ist oder der ganze Plot hinten und vorn nicht passt - scheißegal, es wird formatiert und als Ebook verhökert. Nein, ich habe nichts gegen Selfpublisher, ganz im Gegenteil, ich habe großen Respekt vor den Autoren, die sich von vorn bis hinten selbst um ihr Baby kümmern, ganz ohne helfende Oma, sozusagen, die einem einen Teil der Arbeit abnimmt. Oder die eben in ihr Werk investieren und sich zumindest ein Korrektorat leisten. Ich rede hier nur von den Leuten, die "das" und "dass" nicht auseinanderhalten können, eine kans bärfägte Rächtschraipunk haben oder zu ultramoderner Sprache greifen, ey, Alda! ;)
Deine Idee mit den Zusammenschlüssen von Autoren untereinander finde ich wunderbar und kann mir gut vorstellen, dass so etwas durchaus das Veröffentlichungsmodell der Zukunft werden kann. Das hätte auf jeden Fall Signalwirkung und wäre ein Schuss vor den Bug für die "allmächtigen" Verlage.

Nun, auch Du schlägst mir ja zuletzt vor, eine Version für mich - in dem Fall die deutsche Auflage - und eine angepasste Version für den US-Markt zu schreiben. Genau das werde ich auch machen. Meine Geschichte gibt es ja schon, im Endeffekt habe ich das einfach nur nicht gesehen. Und vielleicht, ganz vielleicht, kann ich ja auch noch mit der Lektorin reden, damit ich nicht restlos alles von Bens Charakter streichen und umändern muss. Ich liebe diesen arroganten, soziopathischen Telepathen einfach viel zu sehr, so wie er ist, um das nicht wenigstens zu versuchen. ;)

Nochmal ganz herzlichen Dank! Es ist einfach etwas ganz anderes, die Meinungen von werten Kollegen zu hören, als "nur" die von Familie und Freunden, die mit der Materie nicht vertraut sind und nicht nachvollziehen können, wie man sich bei solchen Entscheidungen fühlt.

Ganz liebe Grüße,
Lena
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Vernunft gegen Herzblut 22 Mär 2016 18:04 #4216

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Hallo Lena,

ich hätte kein Problem damit, eine x-beliebige Figur/Geschichte anzupassen. Besonders, da ich weiß, dass die Amis recht enge und sich widersprechende Ansichten haben (wäre käme schon auf die Idee, HP als Buch des Bösen öffentlich zu verbrennen, etc.) und wenn ich ein Auge auf den US-Markt werfe, dann werde ich auch eine Geschichte schreiben, die dem Staat angepasst ist.

Aber meine Herzensgeschichte/n?
Joe Shadow? Mishor? Oder Black Wolf?
Nein!

Und ich sehe es nicht so, dass es ja ein ganz anderer Markt ist und nichts mit meiner ursprünglichen Geschichte zu tun hat. Es gibt genügend Leser, die sich über deutsche/englische Bücher austauschen oder das Buch in der anderen Sprache lesen. Die kämen sich verar... vor, wenn sich die Bücher mit eventl. gleichen Titel und gleichen Charakteren unterscheiden. Ging mir auch schon so.

Ich habe für diese Storys das europ. Ausland ins Auge gefasst. Ich denke, wenn sie dort punkten, dann sind vllt. auch irgendwann die Amis interessiert und ich habe eine bessere Verhandlungsbasis (und wenn nicht, können sie mich mal :evil: ).

Ich würde lieber irgendeine x-beliebige Story für die Amis produzieren, als meine Herzstory für sie weichzuspülen.
Liebe Grüße

Sheila
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Vernunft gegen Herzblut 22 Mär 2016 18:16 #4217

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Martin schrieb:
Liebe Lena,

.......

Die Alternative zum Verlag ist Selfpublishing und ich finde das eine tolle Sache. Klar muss man dafür weiterlernen und auch Dinge tun, die nicht direkt Schreiben sind, aber dafür gibt es ja z.B. die SP-Ecke im Patchworkforum, in der Leute sind, die Erfahrung haben. Dort kann man lernen und weitergeben. Auch vollzieht sich ein großer allgemeiner Wandel, bei dem Verlage eine immer kleinere Rolle spielen. Schließlich denke ich, dass es andere Zusammenschlüsse - Autoren untereinander - geben wird, wodurch etwas Neues und Selbstbestimmtes und damit Besseres entstehen kann.

Aber es gäbe ja noch eine Option, keine Ahnung, ob du dafür Lust und Zeit hast: dein Buch so machen, wie du es dir vorstellst und für den Verlag etwas Gesondertes schreiben, wie der es will.

Viele Grüße
Martin

Die angesprochenen Zusammenschlüsse gibt es teilweise schon. So waren z.B. 40 Selfpublisher mit einem eigenen Stand an Buchmessen. Auch die Zusammenarbeit im Marketingbereich hat sich in letzter Zeit intensiviert. (z..B. Zusammenarbeit Autoren mit Youtube-Kanälen) Ein weiteres Indiz für die zunehmende Marktrelevanz von Selfpublishing sieht man beim immer grösser werdenden Angebot von Dienstleistern für sie. (Lektorate, Cover, Marketing etc.)

So habe ich zum Beispiel vor, beim nächsten Treffen mit einigen Autoren eine engere Zusammenarbeit vorzuschlagen. (Vielleicht eigenen YouTube-Kanal oder mehr gemeinsame Marketingaktivitäten) Bei uns steht im Sommer ein grosses Volksfest an. Warum also nicht Bücher für die zu vergebenden Preise zur Verfügung stellen. usw.

Mal sehen, ob ich den ein oder anderen dazu motivieren kann.

Gruss
Walter
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Vernunft gegen Herzblut 22 Mär 2016 19:54 #4218

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Hallo Sheila!

Vielen Dank für Deine ehrliche Antwort!

Es hat mir nichts ausgemacht, die Wächter oder Wolfsinstinkt den amerikanischen Forderungen anzupassen. Allerdings kommt es mir auch so vor, als wären da die Eingriffe durch den Verlag gar nicht so groß gewesen, aber das kann durchaus nur ein subjektives Empfinden sein. ;)

Es ist natürlich alles andere als dumm, die Herzensgeschichten (wunderbarer Ausdruck!) gleich in Hinsicht auf das europäische Ausland zu schreiben. Aber auch da habe ich mit meinem Genre ein kleines Problem - es gibt nicht sonderlich viele Verlage, die homoerotische Fantasy veröffentlichen. Und wenn doch, sind sie nicht an einem relativ unbekannten deutschen Autor interessiert und - das kennen wohl einige von uns leider zur Genüge - man erhält eine vorgefertigte Absage. (Besonders wenn man ehrlich ist und gleich von Haus aus sagt, dass die Story in Deutschland bereits auf dem Markt zu haben ist ...) Zudem haben in letzter Zeit einige entsprechende Verlage in England und den USA mehr oder weniger still und heimlich die Pforten geschlossen.
Es mag bei reiner Fantasy, Hetero-Stories oder jedem beliebigen Genre vielleicht anders oder sogar leichter sein, in einen nicht-deutschsprachigen Verlag zu rutschen. Da kann ich leider nicht mitreden, ich kann es nur jedem Kollegen von Herzen wünschen. ;)
Für mich gibt es in diesem Moment nur die Wahl zwischen Not und Elend. Und wenn ich ehrlich bin, würde ich Ben schon mehr als gerne weltweit veröffentlicht sehen. Unter bestimmten Voraussetzungen zumindest. Also werde ich wohl oder übel die Antwort der Lektorin abwarten und dann Kompromisse eingehen müssen, wobei ich mich wirklich einzig an den Gedanken klammern kann, dass die "Urgeschichte" wenigstens den deutschen Lesern zur Verfügung steht.

Ganz liebe Grüße,
Lena
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Vernunft gegen Herzblut 23 Mär 2016 20:46 #4221

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Hallo Lena,

ich habe Deinen Post aufmerksam gelesen und kann die Zwickmühle, in der Du Dich befindest, gut nachvollziehen. Die Reaktion der amerik. Lektorin lässt vermuten, dass Du Deinem Ben ein paar Eigenschaften verpasst hast, die wie Salz in den Wunden unserer amerikanischen Freunde wirken. Waterboarding - oops! Wer hat' erfunden? :whistle:
Da möchte in den USA niemand gern dran erinnert werden. Passt irgendwie nicht zu "God's own country". Vielleicht reicht es aus, auf diese Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.

In einem der letzten Filme musste James Bond nackt auf einem Stuhl ohne Sitz sitzen und dann wurde sein Gemäch mit einer Peitsche bearbeitet. Very british. Sicher gibt es noch andere Foltermethoden, die ausreichend grausam und nicht amerikanischen Ursprungs sind. :sick:

Aber das sollte nur ein Beispiel sein. Ich glaube, ich würde meine Herzensgeschichte bis auf's Messer verteidigen und nur dann einen Kompromiss eingehen, wenn mein geliebter Protagonist nicht seine Konturen verlieren und dadurch leichter konsumbierbar = erträglicher, anspruchsloser für die US-amerikanischen Leser wird.
Aber egal wie Du Dich entscheidest: Don't look back in anger. ;)

Liebe Grüße
Sille
"Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig." Albert Einstein
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Vernunft gegen Herzblut 24 Mär 2016 10:10 #4222

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Hallo Sille!

Vielen Dank für Deine Antwort!

Ja, das mit dem Waterboarding war extrem gedankenlos von mir, das ist mir inzwischen klar geworden. Ich Böse! Wahrscheinlich habe ich es sogar geschafft, das ganze Szenario wie ein Guantanamo für Arme wirken zu lassen. Dumm gelaufen. Das geschah durch eine blöde Überschneidung - als ich mit dem Roman begonnen habe, war an eine mögliche US-Veröffentlichung noch nicht zu denken. In der Hinsicht bin ich richtig froh, dass ich mir ein paar andere, sehr kreative Foltermethoden, die boshafte Freunde von mir ins Gespräch gebracht haben, für später aufheben wollte. :lol:

Im Übrigen hat sich meine Lektorin mittlerweile bereit erklärt, wegen der "unschönen" Wesenszüge ein Auge zuzudrücken, wenn ich ihm hin und wieder ein paar Schuldgefühle mit auf den Weg gebe. Okay, damit kann ich leben. ;)

Ganz liebe Grüße und euch allen ein wunderschönes Osterfest!

Lena
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Vernunft gegen Herzblut 24 Mär 2016 12:29 #4224

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Hallo Lena,

das freut mich für Dich. Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und jetzt zunächst ein tolles Ostereiersuchen!

Lieben Gruß
Sille
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