Stichwort
Willkommen, Gast
Handwerkliche Praxis: von Perspektiven bis zu Rückblicken. Hier bitte KEINE Rechtschreibthemen, diese unter Nachschlag(en)

THEMA: Wie viele Worte sind nötig, um Kopfkino entstehen zu lassen?

Wie viele Worte sind nötig, um Kopfkino entstehen zu lassen? 16 Nov 2018 15:30 #6816

  • nim scibiya
  • nim scibiyas Avatar
  • OFFLINE
  • Diagnose: neugierig
  • Beiträge: 66
Hallo zusammen,

in letzter Zeit beschäftige ich mich häufig mit der Frage, wie intensiv man den Ort der Handlung beschreiben sollte, an dem der Protagonist sich befindet.
Und dann geht es ja nicht nur um die räumlichen Besonderheiten der Location, sondern auch um die Atmosphäre, die dort herrscht.

Wenn ich selber Bücher lese, überspringe ich zeilenlange Beschreibungen oft. Aber wenn ich selber schreibe, kann ich es auch nicht kürzer fassen :rotfl:
Grundsätzlich frage ich mich immer; ist dieses oder jenes wichtig für den Text? Dann versuche ich wirklich wegzulassen, was den Leser ermüden könnte. Wer meine Texte in der Geschichtswerkstatt mal gelesen hat, würde das vermutlich anzweifeln ... :book:

Inzwischen versuche ich Beschreibungen mit Handlung abzuwechseln, damit ich dem Leser nicht ewig lange Beschreibungen zumuten muss.

Wie löst ihr das so?

Grüße Julia
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.

Wie viele Worte sind nötig, um Kopfkino entstehen zu lassen? 18 Nov 2018 09:36 #6821

  • Dornpunzel
  • Dornpunzels Avatar
  • ONLINE
  • Schreibinfiziert
  • Beiträge: 206
Hallo Julia,

ich bin ja bekanntlich das andere Extrem. In Sachen Beschreibungen bin ich eher Minimalist und schreibe nur, was unbedingt sein muss. Der Leser muss schon echtes Glück haben, dass er am Ende des Romans eine leise Ahnung hat, wie ein Prota aussieht.

Ich versetze mich beim Schreiben in meine Protas und beschreibe folglich nur, was ihnen auffällt. Nehmen wir mal das Beispiel Wald. Ich für meinen Teil schreibe da nur, dass meine Prota in einem Wald steht. Das ruft bei jedem sofort ein Bild hervor. Bei jedem ein anderes, aber ist es wichtig, welche Bäume in diesem Wald stehen? Ob da Pilze wachsen, Blumen blühen, Vögel zwitschern? Finde ich in der Regel nicht, deswegen schreibe ich das auch nicht. Wenn es absolut still ist - also eher ungewöhnlich für einen Wald - fällt das meiner Prota auf und dann schreibe ich das auch. Oder wenn ein Fuchs sie erschreckt. Aber nichts, was für einen Wald selbstverständlich wäre.
Entdeckt sie etwas Neues, dann beschreibe ich das natürlich etwas genauer, wobei 'genau' da wohl auch Auslegungssache ist. Kommt dann auch auf die Situation an. Hat meine Prota Zeit, sich alles genau anzusehen oder ist sie in Hektik und nimmt nur wahr, was man auf den ersten Blick sieht?

Das klappt eigentlich ganz gut, aber noch nicht perfekt. Wobei, gibt es beim Schreiben etwas Perfektes? :)

Liebe Grüße
Kerstin
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.

Wie viele Worte sind nötig, um Kopfkino entstehen zu lassen? 19 Nov 2018 09:47 #6830

  • nim scibiya
  • nim scibiyas Avatar
  • OFFLINE
  • Diagnose: neugierig
  • Beiträge: 66
Hi Kerstin,

interessant, weil ich das eigentlich ähnlich sehe wie du aber doch etwas ganz anderes bei herauskommt :lol: : Was dem Prota auffällt, wird beschrieben - UND was wichtig für die Handlung ist.
Beispiel, wenn meine Hauptperson in die Küche geht, um sich dort einen Kaffee zu holen und das im Grunde keine Relevanz für die weitere Handlung hat, dann schreibe ich nur "er/sie ging in die Küche". Wie du schon sagst, jeder weiß wie so was aussieht.
Wenn aber - und ja, es ist echt lustig, dass du das Beispiel Wald gewählt hast - mein Prota im Wald unterwegs ist, und der ist aus einem bestimmten Grund wichtig, dann beschreibe ich ihn auch genauer. Vor allem, wenn mein Wald eine bestimmte Stimmung beim Prota und auch beim Leser auslösen soll.

Und dann gibt es noch einen wesentlichen Unterschied, wenn es um Fantasy geht: denn gerade da geht es nicht ohne (mehr oder weniger ausführlichere)Beschreibung. Nur darf man das eben nicht ermüdend für den Leser machen - das ist die große Herausforderung, denke ich.
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.

Wie viele Worte sind nötig, um Kopfkino entstehen zu lassen? 19 Nov 2018 11:14 #6833

  • Dornpunzel
  • Dornpunzels Avatar
  • ONLINE
  • Schreibinfiziert
  • Beiträge: 206
Vielleicht haben wir einfach unterschiedliche Protas, denen dann auch unterschiedliche Sachen auffallen. :rotfl:

Wäre auch mal eine Idee für eine Schreibübung: Deine Prota kommt in einen magischen Wald und wird von Regenbogenelfen entführt. Oder so ähnlich. Vermutlich hätten wir so viele völlig unterschiedliche Versionen wie Schreiber.

Fantasy ist ein gutes Beispiel. Ich glaube, gerade hier gibt es viele Romane - und das ist jetzt nicht im geringsten negativ gemeint - die zu einem großen Teil von der Welt leben, die der Autor erschaffen hat. Da zählt jedes Detail und es ist extrem wichtig, dass es der Autor schafft, den Leser in seine Welt zu ziehen, was natürlich am besten gelingt, wenn er sie ihm ganz genau beschreibt. Viele Leser lieben das, weil sie sich völlig in so einer Welt und folglich dem Roman verlieren können.

Zu denen gehöre ich aber nicht. Für mich sind Handlung und die Entwicklung der Protagonisten am wichtigsten. Ich muss nicht mal wissen, wie die Protas aussehen, aber an Ungereimtheiten in der Handlung kann ich mich aufhängen. Beim Lesen und Schreiben.

Atmosphäre versuche ich eher durch die Protagonisten zu schaffen. Bevorzugt in Dialogen. Ich glaub, das kann ich auch besser, als zu versuchen, das mit der Umgebung zu schaffen. Mich würde das zu sehr vom - für mich - Wesentlichen ablenken.
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.

Wie viele Worte sind nötig, um Kopfkino entstehen zu lassen? 12 Dez 2018 17:44 #6915

Also wenn ich Deine Frage ganz kurz beantworten sollte, dann würde ich sagen: EINES.

Denn wenn wir ehrlich sind geht bei fast jedem Wort das Kopfkino los. Denn nicht denken ist nicht des Menschen Stärke.
Wenn ich also "Auto" schreibe, so hat jeder, bedingt durch seine eigene Geschichte, ein anderes Bild, eine andere Beziehung, ein anderes Muster und andere Gefühle im Kopf oder im Bauch.

Deshalb halte ich es beim Schreiben meist so, dass ich versuche so wenig wie möglich aber so viel wie nötig zu beschreiben.

Denn als Leser hasse ich ellenlange Passagen, in denen die Umgebung beschrieben wird.
Mir reicht es zu wissen wie der Prota sich, um Eurer Waldbeispiel aufzugreifen, im Wald fühlt. Da muss ich nicht wissen wie er aussieht. Denn ich will meinen Wald im Kopf haben, nicht den des Schreiberlings oder der Autorin.

Falls ihr versteht was ich meine ==> meiner Frau fällt das manchmal schwer :P
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.

Wie viele Worte sind nötig, um Kopfkino entstehen zu lassen? 13 Dez 2018 11:30 #6921

  • Martin
  • Martins Avatar
  • OFFLINE
  • Steuermann
  • Beiträge: 1360
Hallo Julia,

tut mir leid, erst eben entdeckt :-(

Es geht weniger um die Beschreibungen der Umgegend, sondern um die Gefühle, die sie bei der Figur - und damit beim Leser - auslöst. Und es hängt von der Geschichte ab sowie dem aktuellen Tempo. Oder war Spannung und nun ist etwas Ruhiges angesagt.

Wenn jemand in einem Aquarienhaus über die Fische staunt, kann man ruhig mehr Beschreibung einbringen, als wenn er durch eine nächtliche Gasse mit großteils ausgefallener Beleuchtung und heruntergekommenen Häusern geht. Warum? Fische und Aquarium sind dem Leser vermutlich nicht sehr bekannt (=mehr Beschreibung), während der eben geschriebene Gassensatz bereits ausreicht.

Fazit: Welche Bilder sind bektannt? Bekannt braucht weniger Text als unbekannt. Bei unbekannt kann man sich auch gut mit Metaphern aushelfen.

Viele Grüße
Martin
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.