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THEMA: Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen

Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 20 Jul 2016 21:48 #4638

  • ernstbay
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im aktuellen Newsletter von TEMPEST habe ich folgenden Artikel gefunden, der für Krimiautoren von Interesse sein dürfte:

"Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen"
von Toni Feller

In den 26 Jahren meiner Mitgliedschaft bei der Mordkommission des
Polizeipräsidiums Karlsruhe hatte ich immer an vorderster Front zu
tun. Ich war Mordermittler.


Die Mordkommission (MOKO)

Eine MOKO besteht aus dem Kommissionsleiter, seinem Stellvertreter und
in der Regel aus fünf Unterabteilungen:

-- die Ermittlungsgruppe: Sie besteht aus 10 bis 12 BeamtInnen, die
ausschließlich Hinweisen und Spuren nachgehen, Zeugen, Beteiligte und
Tatverdächtige befragen, und notwendige Recherchen durchführen.?
-- die Spurendokumentation und Auswertung: Sie erfasst alle Hinweise
und Spuren in elektronischer Form, erkennt Zusammenhänge, führt Spuren
und Hinweise zusammen und bedient die Ermittlungsgruppe mit wichtigen
Erkenntnissen.?
-- operative Maßnahmen und Fahndung: Sie fahndet nach
Sachgegenständen, Zeugen und Tatverdächtigen, führt Observationen und
Festnahmen durch.?
-- die Kriminaltechnik: Sie ist heutzutage mit die wichtigste
Einrichtung einer MOKO. Selbst wenn der Täter allein durch die Arbeit
der Ermittlungsgruppe gefasst wird, was selten vorkommt, haben die
Kriminaltechniker die Aufgabe, den Tatverdacht und später die Anklage
durch kriminaltechnische Spuren zu untermauern. ?
-- die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Sie hat die Aufgabe, die
Fahndung nach Tatverdächtigen und Zeugen mit entsprechenden Beiträgen
in Zeitungen, Radio und Fernsehen zu unterstützen.

Wichtig zu wissen: Eine MOKO ist ein Getriebe mit vielen großen und
kleinen Zahnrädern, die möglichst reibungslos ineinander greifen
müssen. Wenn ein Zahnrad nicht funktioniert, kann die Aufklärung des
Mordes aufs Höchste gefährdet sein. Teamgeist hat absolute Priorität.
Nicht der Kommissionsleiter klärt den Mord auf, sondern die gesamte
Mannschaft, die in Karlsruhe in der Grundausstattung mit 25 bis 30
Beamtinnen und Beamten bestückt ist.

Dieser Umstand ist natürlich in einem Buch oder Film nicht nur schwer
umzusetzen, sondern auch kaum zu verkaufen. Wir Autoren brauchen einen
Helden, der letztendlich den Mörder immer mehr in die Enge treibt, bis
er ihn im Showdown schließlich stellt und der gerechten Strafe
zuführt. Gleichwohl bin ich der Meinung, dass man sich als Autor sehr
wohl einigermaßen an der Wirklichkeit orientieren kann, wenn man das
möchte. In meinen Romanen lasse ich zum Beispiel die Mordkommission im
Hintergrund laufen, während mein Held und Mordermittler viel ackert,
gelegentlich gegen den Strom schwimmt und letztendlich zum Erfolg
kommt. Aber ohne seine Kollegen von der MOKO wäre das nie möglich
gewesen.

Wenn ich mit Autoren spreche, wundere ich mich immer wieder, mit welch
hohem Aufwand die meisten recherchieren, um möglichst
wirklichkeitstreu über Dinge zu schreiben, die ihnen vorher fremd
waren. Sie verbeißen sich manchmal mit unglaublicher Akribie in die
Recherche, und am Ende ist alles auch stimmig - nur die Arbeit ihres
Helden, ihres Protagonisten ist total falsch und bar jeder
Wirklichkeit dargestellt, ist frei erfunden.

Ich frage mich dann, warum sich diese Autoren überhaupt die Mühe
machen, zu recherchieren, wenn sie dabei die Hauptsache, die
kriminalpolizeiliche Arbeit bei Mordfällen, so stümperhaft darstellen.


Die häufigsten Fehler in Kriminalfilmen und -romanen?

1. Ein Privatdetektiv, Reporter, Gerichtsmediziner, Rechts- oder
Staatsanwalt oder sonst eine Person ermittelt eigenständig in einem
Mordfall und überführt natürlich auch den Täter.
Das entspricht nicht im Geringsten der Realität. Um einen Mörder zu
finden und zu überführen, bedarf es in der Regel eines riesigen
Aufwandes an Fachwissen, Logistik und polizeilicher Maßnahmen. Niemand
anders als die Kriminalpolizei kann diesen Anforderungen gerecht
werden.?

2. Der Rechtsmediziner ist vor der Kripo am Tatort.
Nie und nimmer! Richtig ist, dass der Pathologe erst gerufen wird,
wenn es die Kriminalpolizei für erforderlich hält.?

3. Ein Kommissar benutzt sein Privatfahrzeug. Das muss natürlich ein
besonders originelles sein, zum Beispiel ein Motorroller, ein altes
Rennrad oder ein uraltes Opelcoupe.
Das ist allein schon aus versicherungstechnischen Gründen Unsinn.
Kriminalbeamte sind ausschließlich mit Dienstfahrzeugen unterwegs.?

4. Kriminalbeamte laufen mit offener Pistole und Handschließen in der
Gegend herum.
Warum sollten sie das tun? Sie sind doch in Zivil unterwegs und wollen
erst mal nicht gleich als Polizisten erkannt werden. Allerdings gibt
es heute vereinzelt auch Angeber, meist junge Kollegen, die meinen,
sie müssten ihre Knarre offen tragen, um zu zeigen, was sie für tolle
Hechte sind.?

5. Das Opfer ist zufällig Verwandter, Geliebte oder sonstige
Bezugsperson des Kommissars.
So etwas kommt äußerst selten vor und wenn, wird der betroffene Beamte
von den Ermittlungen ausgeschlossen. Er wird allenfalls als
Auskunftsperson herangezogen.?

6. Eine Kommissarin liegt im Krankenhaus, und zufällig wird auf ihrer
Station ein Arzt umgebracht.
So etwas ist einfach lachhaft. Wer als Autor mit solchen Zufällen
arbeitet, macht sich unglaubwürdig.?

7. Mehrere Zeugen werden vom Kommissar auf einmal vernommen.
Das ist der größte Fehler, den ein Ermittler machen kann. Personen
vernimmt man einzeln, gleicht die Aussagen ab, arbeitet Widersprüche
heraus und überführt damit den Täter.?

8. Zeugen werden in Anwesenheit des Tatverdächtigen vernommen.
Auch das kommt in der Realität nicht vor. Damit würde man wichtige
Trümpfe aus der Hand geben.?

9. Ein Mord wird nur von einem einzigen Kommissar oder höchstens von
einem Ermittlerduo bearbeitet.
Nein. Liegt ein Mord mit zunächst unbekanntem Täter vor, wird immer
eine Soko oder Moko ins Leben gerufen.?

10. Ein Mord wird von uniformierten Polizisten bearbeitet.
Falsch. Ein Kapitalverbrechen wird in Deutschland immer von der Kripo
bearbeitet. ?

11. Ein Mordermittler arbeitet mit einem Reporter, Buchautor, Detektiv
o. Ä. Hand in Hand, und gemeinsam überführen sie den Täter.
Auch das stimmt nicht. Allenfalls dienen die genannten Personen dazu,
Auskünfte und Hinweise zu geben.?

12. Der Protagonist verfolgt und observiert den Tatverdächtigen über
längere Zeit.
Unwahrscheinlich. Eine Observation erfordert einen hohen Personal- und
Zeitaufwand. Um eine einzige Person dauerhaft und wirksam zu
observieren, sind je nach Lage bis zu 24 Beamte nötig.?

13. Bei einem Schusswechsel wird geschossen, was das Zeug hält.
In einer Pistole sind aber maximal 13 Schuss und im Revolver sechs.

14. Der Protagonist und Kommissar hört Telefongespräche ab.
Das machen in der Regel spezielle Kräfte, die dem Kommissar das
Ergebnis dann mitteilen.?

15. Der Tatverdächtige soll sich "zur Verfügung halten".
Nein, nicht einmal ein Tatverdächtiger, der aufgrund fehlender Beweise
nicht in Untersuchungshaft genommen werden kann, muss sich "zur
Verfügung" halten. Die Einbehaltung seines Passes ist aber möglich.?


Was ist überhaupt ein Mord??

Nicht immer, wenn ein Mensch gewaltsam zu Tode kommt, liegt ein Mord
vor. Das wird von den meisten Autoren nicht beachtet. Gerne wird aus
jedem Delikt, bei dem ein Mensch zu Tode kommt, ein Mord konstruiert.
Im Strafgesetzbuch gibt es jedoch prägnante Differenzierungen, die
sich dann auch im Strafmaß auswirken. Es wird im Groben unterschieden
zwischen:

-- Mord
-- Totschlag
-- Körperverletzung mit Todesfolge
-- Schwere Brandstiftung mit Todesfolge
-- Sexueller Missbrauch von Kindern mit Todesfolge
-- Vergewaltigung mit Todesfolge
-- Sexuelle Nötigung mit Todesfolge
-- Entführung mit Todesfolge
-- Fahrlässige Tötung
-- Tötung auf Verlangen


Wie läuft ein Mordfall mit unbekanntem Täter ab??

1. Auffinden des Toten
2. Schutzpolizei kommt vor Ort.
3. Kriminaldauerdienst wird gerufen.
4. Kriminaldauerdienst informiert die Leitung der Kriminalpolizei.
5. Alarmierung der Mordkommission.
6. Kriminaltechnik wird zum Tatort gerufen.
7. Gerichtsmediziner und Staatsanwalt werden zum Tatort gerufen.
8. Erste Besprechung der Lage
9. Festlegung von ersten Maßnahmen und Verteilung von Aufgaben an die
Mitglieder der MOKO. Zum Beispiel: Errichtung der Logistik,
Nachbarschaftsbefragungen, Zeugenbefragungen, Sicherstellung von
sämtlichen Datenträgern und Telefonen, Notizbüchern, Briefen,
Fahrzeugen etc., erste Auswertung der Handys,?Anträge für
Durchsuchungen, Haftbefehle, Telefonüberwachungsmaßnahmen, Öffnen von
Briefen etc.?

Erste Maßnahmen sind sehr wichtig und führen oft schnell zum Erfolg.
Mit jedem Tag, der verstreicht, wird die Aufklärung eines Mordes
schwieriger.

Beim Schreiben tue ich mich oft schwer damit, von der Realität allzu
sehr abzuweichen, weil ich dann das Gefühl bekomme, vor meinen Lesern
unglaubwürdig zu erscheinen. Als ich dieses Jahr einen Thriller und
Bestseller las, bei dem in Anlehnung an das Struwwelpeter-Märchen
mehrere Frauen auf verschiedene Art und Weisen getötet wurden und
diese Morde sowie Täter und Protagonist unrealistisch waren, sprach
ich auf der Criminale den Autor an. Er vertrat die Auffassung, dass
er, ohne Rücksicht auf jegliche Realität, unbedingt Personen und
Handlungen beschreiben wollte, die zuvor noch kein anderer Autor zu
Papier gebracht hatte. Meinen Einwand, ob er nicht befürchte, für dumm
und unwissend gehalten zu werden, tat er damit ab, dass ihm der Erfolg
doch recht gegeben habe.

Ich atmete tief durch. Vielleicht werde ich in Zukunft nicht mehr so
streng mit mir und der Wirklichkeit umgehen und einen goldenen
Mittelweg suchen.

**~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Toni Feller (1951), Kriminalhauptkommissar, Mordkommission, 1994 erste
Veröffentlichung eines Lyrikbandes, bis heute insgesamt 12 Bücher
verschiedener Genre, 12 Bühnenstücke (Komödien), Drehbuchvorlagen für
drei Dokumentarfilme, Publikationen in Fachzeitschriften, mehrere
Auszeichnungen des Arbeitskreises Heimatpflege Nordbaden. Sieben TV-
Auftritte als Buchautor.

Quelle: TEMPEST, Ausgabe Juli 2016


Herzliche Grüße
Ernst
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Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 21 Jul 2016 18:30 #4640

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Die alte Frage. Müssen Romane realistisch sein? Müssen zum Beispiel Krimis nahe an der wirklichen Arbeit der Krminalbeamten sein? Ich habe mir zum Beispiel betreffend der Genres Thriller und Science Fiction schon so einige abwertende Äusserungen eingehandelt.

Wenn ich die Arbeit von Kriminalbeamten kennen lernen will, spreche ich mit ihnen oder sehe mir eine Dokumentation oder ein entsprechendes Buch etc. an. Von einem Genre-Roman erwarte ich, dass er mich gut unterhält. Ansonsten lese ich ein Fachbuch.

Ein Genre-Roman sollte also aus meiner Sicht in erster Linie unterhaltsam sein. Der Realismus ist nur so weit nötig, um die LeserInnen nicht durch Logikfehler etc. abzulenken.

Wie seht ihr das?

Gruss
Walter
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Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 21 Jul 2016 20:16 #4642

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@ Ernst
Grundsätzlich dankeschön für den Artikel. Allerdings kann es Copyright-Probleme geben, wenn man Text zur Gänze einfach kopiert und nicht einmal ein konkreter Link dabei ist.

@Walter
Ich denke mir das immer wieder, wenn ich von akribischer Recherche lese. Freilich sollten in der Südsee keine Eisberge schwimmen, aber es ist Fiktion. So, wie du sagst, kein Sachbuch.

Viele Grüße
Martin
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Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 21 Jul 2016 21:30 #4643

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@ Martin: Die Quelle wurde von mir am Ende des Artikels genannt

Gruß
Ernst
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Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 22 Jul 2016 04:19 #4644

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Hallo Ernst,

vielen Dank für den Artikel. Ich speichere ihn mir auf alle Fälle ab.

@ Allgemein:

Ich gebe euch teilweise recht.

Die richtigen Ermittlungen sind oft langweilig. Laufen überwiegend durch Büroarbeit und Hintergrundinfos ab. Mit Krimis - egal, ob Film oder Roman - hat reale Kriminalermittlung nicht viel zu tun. Und es gibt genügend Polizisten, die in ihrem Berufsleben außer auf dem Schießstand, nie einen Schuß abgefeuert haben. Aber:

Will das der Leser wissen/lesen?

Denke, eher nicht.

Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass der Autor sich so nahe wie möglich an der Realität orientieren sollte, wenn er einen Krimi/Thriller schreibt, der in der Jetzt-Zeit spielt. Bei historischen Krimis/Thriller oder die in einer weiteren Zukunft spielen, habe ich als Autor freiere Hand. OK, Überführungen mittels DNA sollte nicht in den 1970ern stattfinden und die Beamten sollten in den 1990ern weder Handys noch GPS benutzen, auch da sehe ich mich als Autor gefordert, zu recherchieren, um glaubwürdig zu sein/bleiben.

Es ist, wie Hr. Feller schreibt: Der Autor sollte einen goldenen Mittelweg zwischen Realität und Spannung finden.

Aber: was würde dagegen sprechen, wenn ich nun unbedingt einen einsamen Wolf (-Ermittler) ins Rennen schicken will, der mind. die Kenntnisse und Fähigkeiten eines Mini-James-Bond hat, in einem Staat *Falaria* und der Millionenstadt *Hopsala* ermitteln zu lassen? Genau dort kann ich doch dann die *Umgebung* schaffen, die ich für meinen Helden UND die Spannung brauche und muss mir keinen *Kopp* darüber machen, ob er Kriminaltechniker, Ermittler und Gerichtsmediziner in einer Person ist.
Liebe Grüße

Sheila
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Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 14 Aug 2016 23:44 #4709

  • Angela
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Hallo Ernst,

ich lese deinen Beitrag spät, aber ich lese ihn ;-)
Natürlich wollen wir unseren Leser fesseln, da dürfen wir die Realität ruhig mal so ein bisschen ausschalten.
Dennoch vielen herzlichen Dank für diesen Beitrag. Meine Meinung ... das Klischee von dem Kommissar und dem Assistenten/ der Assistentin ... war einmal. Die Leser sind nicht dumm (deswegen fordern sie uns auch immer wieder), was uns wachsen lässt.
Ich denke, die Mischung aus ein bisschen Realität, Persönlichkeit des Ermittlers(evtl. mit Partner), eigene Phantasie (die uns ja auszeichnet) und unser Hauptanliegen, unsere Leser Spannung, Action, Logik, Mitfiebern und ein bisschen Herzschmerz zu geben, lässt uns den schmalen Grat zwischen Realität und Fantasie immer wieder neu definieren.

Ich liebe dieses Forum und hoffe, dass wir immer wieder Stoff zum diskutieren haben :-)

liebe Grüße
Angela
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Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 31 Aug 2016 20:33 #4756

  • CoraSuess
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Bin eben erst über diesen interessanten Artikel von Ernst gestolpert. Tolle Info, danke Ernst.

Viele Leser meines Krimis bestätigen die tolle Ermittlungsarbeit meiner Mordkommission. ;) Ich beschreibe, wie mühsam Informationen zusammengetragen werden.

Dennoch möchte ich noch etwas Fiktion in den Büchern spüren, denn wenn man sich wirklich an die Realität hält, möchte keiner mehr einen Krimi lesen. Öde ist das Leben schon allein - deshalb schreiben wir etwas aufregendes, um dem langweiligen zu entweichen. :whistle:
liebe Grüße

Cora
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Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 01 Sep 2016 21:21 #4757

Seh ich genauso. Sich an der Realität orientieren, aber nicht in die Pflicht nehmen. Entweder man schreibt ein Sachbuch und hält sich an die Fakten, oder man macht es wie Pippi Langstrumpf und macht sich die Welt, wie sie einem gefällt. Meiner Meinung nach fällt dies unter dem Aspekt der "Künstlerischen Freiheit".

In einem Spannungsroman will doch nun wirklich niemand mit realen Ermittlungsmethoden gelangweilt werden. Solange es plausibel ist und nicht an den Haaren herbeigezogen anfühlt, ist sowohl dem Autor, als auch dem Leser mehr als geholfen...

Wer zB gerne "Castle" & Co sieht, der wird mir sicherlich beipflichten, dass die Fiktion weitaus unterhaltsamer ist, als eine trockene Dokumentation - sofern man sich in dem Augenblick für eine Serie oder Film entscheidet...
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Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 06 Mär 2018 08:51 #6116

  • Silvana
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Ist zwar schon etwas älter, trotzdem möchte ich - als Liebhaberin von Dokus und Krimiserien auch etwas beisteuern.

In der Regel weiss Mensch schon, wie das so ungefähr abläuft bei der Mordermittlung und ich möchte auch nicht behaupten, dass das langweilig ist - sicher nicht (gab es doch Zeiten, da spielte ich mit dem Gedanken doch noch zu studieren und Profiler zu werden ;-) ), aber wenn ich einen Roman lese, dann muss ich nicht so dicht an der Realität sein - Dokus und Romane/Serien dürfen sich sehr gerne unterscheiden und je nach Genre auch gerne mehr als weniger.

Ich finde z. B. Serien wie Elementary, Castle, Profiler, Bull, Lethal Weapon usw usf. gut - seichte Unterhaltung - manchmal anspruchsvoll, manchmal weniger - sicher teilweise nahe an der (amerikanischen) Realität und dann wieder nicht... da ist es auch fast nicht möglich auf realistische Detailarbeit einzugehen, denn dann wäre eine Folge 5 Stunden lang und nicht 45 Minuten und ich möchte auch keinen 600 Seiten Romane lesen, welcher zu 60 % aus haargenauer Darstellung der Polizeiarbeit besteht...

Romane/Serien sind doch eher dazu da uns aus der Realität heraus zu holen, statt uns noch tiefer hineinzuschieben, oder?
Liebe Grüsse und eine gute Zeit...

P.S.: Jaaaa - ich BIN die 3-Pünktchenqueen - gerne, bitte - danke...
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Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 06 Mär 2018 13:18 #6124

  • Martin
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Silvana schrieb:
Romane/Serien sind doch eher dazu da uns aus der Realität heraus zu holen, statt uns noch tiefer hineinzuschieben, oder?
Sehr tolles Argument
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Die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit bei Mordfällen 06 Mär 2018 13:55 #6129

  • tatwort
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  • Beiträge: 82
Hallo Ernst,

danke für den ausführlichen Realitätscheck. Aber schon der Punkt 1 stimmt nicht: Ein Privatdetektiv, Reporter, Gerichtsmediziner, Rechts- oder Staatsanwalt oder sonst eine Person ermittelt eigenständig in einem Mordfall und überführt natürlich auch den Täter.

In jedem Wilsberg-Krimi kannst du das Gegenteil erfahren. Aber Spaß beiseite.

Wenn man sich an die Realität hält, und dann noch an die deutsche Polizeirealität, dann gibt es keine Krimis. So etwas will doch kein Mensch lesen. Zu einer solchen Realität gehört ja schließlich auch das erbärmlich Versagen der deutschen Kriminalarbeit – auch ohne Anis Amri. Ich will dir da bestimmt nicht auf die Füße treten und hoffe, du nimmst das nicht persönlich. Aber es gibt in der Realität zu viele Fälle, die nach spätestens ein paar Jahren schlicht in den Keller wandern. Die Einbruchskriminalität wird schneller ad Acta gelegt, als man im Sommer ein Eis verschlingt. Ich denke, so etwas will kein Mensch lesen.

Wenn ich lese, will ich etwas erleben, das mich aus der Realität abholt und in eine fiktive Realität entführt. Es soll mich fesseln und nicht langweilen.

D.h. die realistische deutsche Polizeirealität taugt nicht im Geringsten als Vorlage für Kriminalromane. Ich stelle mir gerade vor, man würde einen Politthriller realistisch wiedergeben. Oh Gott, wer will schon Schulz und Co. beim täglichen Herumeiern erleben. Das wird schließlich auch nicht besser, wenn man das live hinter verschlossenen Türen miterleben kann/muss.

Aber so eine Zusammenfassung der realistischen Polizeiarbeit ist dennoch hilfreich für alle Krimiautoren. Danke dafür.

Viele Grüße

Rudolf
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