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THEMA: Mikro-Rückblenden

Mikro-Rückblenden 23 Dez 2014 09:36 #1697

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Rückblenden - auch Analepsen - sind ja allgemein eine umstrittene Technik. Die einen lehnen sie vollends ab, andere machen sich zu ihren Verfechtern, indem sie ihnen Spannungspotential zuschreiben. Eines ist jedenfalls sicher: Rückblenden müssen gut geplant sein und man muss wissen, was man tut.

Neulich hörte ich ein Buch, in dem gleich eine ganze Menge Rückblenden zu finden waren. Aber nicht diese großen, wo in die Kindheit eines Protagonisten gesprungen wird, sondern kleine, ein paar Stunden zurück oder wenige Tage. Es war das erste Mal, dass ich diesem flatternden Hin- und Herspringen in dieser Häufigkeit begegnet bin und ich kann sagen: es hat durchaus seinen Reiz!

Ein Beispiel:

Als Rosalie an diesem Abend ihr blaues Notizbuch unter dem Bett hervorzog, war sie sehr, sehr müde. Sie schaute auf das Hundekörbchen neben ihrem Bett, in dem William Morris schlief. Um die Körpermitte trug er einen riesigen Verband. »Mein armes Hundchen«, sagte sie leise und strich ihm über den Kopf. Bevor sie das Licht löschte, schrieb sie:

Der schlimmste Moment des Tages:
William Morris (Anm: der Hund)) ist am Nachmittag vor ein Auto gelaufen. Als ich seinen kleinen Körper so verdreht und blutend auf der Straße liegen sah, dachte ich erst, er wäre tot. Bin sofort mit ihm in die Tierklinik gefahren. Gott sei Dank war es nur eine äußere Verletzung. Er hat zwei Spritzen bekommen, und wir müssen morgen noch mal zur Kontrolle. Was für ein Schreck! ...


Aus: Paris ist immer eine gute Idee von Nicolas Barreau
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Mikro-Rückblenden 23 Dez 2014 11:01 #1699

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Danke, für diesen Beitrag Martin.

Auch Sendker (von dir empfohlen und ich bin begeistert!) hat in ähnlicher Weise Rückblenden eingestreut. Mir gefallen diese Texte sehr und ich sehe es weniger kritisch. Auch das ständige "hatte" läßt sich elegant umgehen, wie einige Schreibratgeber aufzeigen.
Ein österreichischer Agent hat es in meinem Roman-Manuskript einmal sehr stark kritisiert, ich mache es trotzdem. Wer nur liniear lesen möchte, sollte eben andere Autoren wählen. Bei jährlicher Unmenge von Neuerscheinungen, dürfte das keine Schwierigkeit sein.

Liebe Grüße
Linda
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Mikro-Rückblenden 29 Jan 2015 23:00 #1805

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Bei Rückblenden kommt es immer darauf an, wie dynamisch sie sind. Es gibt phantastische Kunstgriffe in Sachen Rückblenden, ich denke da an die frühen Tarantino Filme, die nur so davon strotzen, oder "Sin City"... es gibt viele Beispiele für die äusserst kunstvolle Anwendung von Rückblenden. Wichtig ist dabei immer, dass dem Leser ein "Aha" Erlebnis gegönnt wird, eine lustvolle Erfahrung dessen, was zur aktuellen Situation führte.

Normalerweise sind Rückblenden grässlich, weil Leser damit immer erstmal unzufrieden sind. Sie mögen es nicht, aus dem Handlungsverlauf gerissen zu werden, sie fühlen sich betrogen. Daher muss man sie behutsam einsetzen und sich dabei sicher sein, dass es zum Storyverlauf beiträgt. Ich kenne da kein Rezept, man sollte sich die entsprechenden Filme einfach ansehen oder die Bücher lesen.
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Mikro-Rückblenden 09 Feb 2015 19:38 #1840

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Schön, Rael, ich sehe, hier hätten wir schon reichlich Diskussionsstoff! Den verschieben wir aber in den Werkstattbereich und kramen ihn bei Bedarf wieder hervor. ;)

Gruß Linda
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Mikro-Rückblenden 10 Feb 2015 05:01 #1843

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Hallo Rael,

ich denke, Rückblenden im Film können nicht mit denen im Buch verglichen werden.

Ich gehöre zu den *linear*Lesern. Schlimm fand ich in den Simmel-Romanen dieses ständige hin und her, wo ich erst einmal sortieren musste: Wo befinde ich mich jetzt. Im Gründe dürfte er mich für Rückblenden verdorben haben, denn bei ihm fiel es mir zum ersten Mal richtig auf und nervte.

Gegen kurze Rückblenden - wenn sie nicht zu oft vorkommen - habe ich nichts. Auch das von Martin angesprochene Beispiel finde ich elegant gelöst. Aber wenn es zuhauf vorkommt, würde es mich auch nerven.

LG
Inmutanka
Liebe Grüße

Sheila
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Mikro-Rückblenden 10 Feb 2015 15:14 #1844

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Man kann m.E. nach keine allgemeingültigen Aussagen über Rückblenden machen. Ich sehe allerdings keinen Grund, warum sie im Film anders funktionieren sollen als in einem Roman. Alles, was in einem Film möglich ist, ist auch in einem Buch möglich und umgekehrt - bezogen auf die Form der Erzählung. Wobei Filme natürlich einem ganz anderen Rhythmus folgen, als Bücher. Die Erzählweise von "Pulp Fiction" zb, also diese ineinandergreifenden zeitversetzten Episoden, sind vorher schon lange in der SF Literatur zur Anwendung gekommen. Auch bei Jackie Brown wurde diese Technik angewandt, besonders exzessiv allerdings in der Serie "Leverage".
Und es gibt natürlich auch Elemente, die im Buch nicht funktionieren, wie zB. das "Phoofing" in der Serie NCIS.

Für mich gilt eine einfache Regel: Wenn irgendein erzählerischer Trick dazu führt, die Geschichte spannender, witziger, flüssiger oder schlicht BESSER zu machen, dann wende ich ihn an (vorausgesetzt ich kenne ihn oder erfinde ihn sogar selbst). Wenn ich aber das Gefühl habe, er nervt, dann lasse ich ihn weg.

Bei meinem Kriminalroman "Shabu" zB. beginne ich ebenfalls mit einer Rückblende. Dazu entschied ich mich aber erst ab der 5. Überarbeitung, alle frühen Versionen waren strikt linear erzählt. Dann erhielt ich ein Stipendium der Bertelsmann Stiftung für ein 2-wöchiges Krimiautoren Seminar, in welchem ich mein damals noch unfertiges Buch vorstellte. Die Cheflektoren der Krimi Abteilungen von Rowohlt und Heyne schlugen mir beide sofort vor, eine Rückblende einzusetzen, um den Leser sofort in die Story hineinzuziehen. Ich zeige jetzt hier im einzelnen, was geschieht, um das zu verdeutlichen:

VERSION 1 (alte Version ohne Rückblende):
Der Ich Erzähler, ein ehemaliger Polizist, der nun als Privatdetektiv arbeitet, hat einen langweiligen Auftrag: er soll für eine eifersüchtige Ehefrau deren Ehemann überwachen und parkt gelangweilt vor einer Kneipe um durch die Butzenscheiben den untreuen Gatten zu beschatten (reimt sich, lol). Plötzlich steigt eine atemberaubende eurasische Schönheit in seinen Wage, weil sie ihn der gelben Farbe wegen mit einem Taxi verwechselt. Er lässt sich darauf ein, fährt sie zum Bahnhof, wird verfolgt, Verfolgungsjagd, er gewinnt, sie kommt mit zu ihm, sie vögeln, sie heuert ihn an bla bla etc....

VERSION II (die Finalversion)

Ein Privatdetektiv liegt auf einer Verkehrsinsel in Berlin, bewusstlos. Neben ihm, auf einem Fetzen japanischen Seidenpapiers, sein Ohrläppchen. Im Krankenhaus bekommt er Besuch von einem Kriminalpolizisten, den er angeblich kennt, an den er sich aber nicht erinnern kann. Dieser wirft ihm vor, in eine Mordserie verwickelt zu sein. Und dann fällt ihm plötzlich wieder alles ein: Er sass in Frankfurt vor einer Kneipe im Auto und beobachtete einen untreuen Gatten.......

--

Soweit die Introduktion. Ich denke, hier wird schnell klar, warum ich mich für eine Rückblende entschieden habe. Die Story wirkt dadurch einfach viel geheimnisvoller und macht neugierig darauf, wie das angefangen hat. Eine solche Rückblende funktioniert, weil sie zur Geschichte beiträgt. Bei Simmel funktionieren sie oft nicht, weil sie willkürlich erscheinen.
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Mikro-Rückblenden 10 Feb 2015 17:44 #1846

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Wie ich sehe, sind wir vom Thema abgekommen und bei der allgemeinen Rückblende gelandet. Mir geht es aber um die Mikro-Rückblende innerhalb einer Szene, von der ich finde, dass man, ohne den Leser groß zu verwirren, etwas mehr Dynamik hineinbringt.

Damit wir nicht theoretisieren müssen, habe ich eine Szene aus meinem aktuellen Roman in der Geschichtenwerkstatt eingestellt. So könnten wir dort konkret diskutieren.
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Mikro-Rückblenden 11 Feb 2015 17:04 #1853

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Wow, Stipendium der Bertelmanns Stiftung, da erschrickt der Schreibzwerg!

Gruß Linda
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Mikro-Rückblenden 11 Feb 2015 17:13 #1855

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Ja. Als ich das damals erhielt, wähnte ich mich schon nicht mehr weit weg vom Georg Büchner Preis und einem Strandhaus in Malibu. Die viel grössere Chance verbockte ich aber in der Game Industrie. Wenn ich davon erzähle, glaubt mir das kein Mensch ^^
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Mikro-Rückblenden 11 Feb 2015 18:15 #1857

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Lieber Rael,

das mit dem Landaus auf Malibu lässt sich noch realisieren. Ob zwar auf dem Büüchermarkt? Also zeig mal her, was du im Krimibereich so drauf hast. Vielleicht traut sich anschließend keiner mehr auf die Forumsbühne ;) Ich arbeite auch gerade an einem Thriller, mal sehen, ob es was wird. Eigentlich bin ich so mehr der softige Typ.

Liebe Grüße
Linda
Letzte Änderung: 11 Feb 2015 18:17 von Linda. Begründung: Fehlerteufelchen war unterwegs
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Mikro-Rückblenden 12 Feb 2015 15:25 #1860

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Na ja, Linda, meine beiden Krimis lagen eher wie Blei in den Regalen. Dabei waren sie beide eigentlich sehr "leicht" geschrieben ^^

Selbst wenn ich jetzt ein Maximum an Selbstüberschätzung mit in die Waagschale werfe, kann ich beiden im nachhinein bestenfalls die Note "durchschnittlich" geben. Ich bin also wirklich nicht der Krimi Experte. Zumal ich auch dort nur in einer Nische heimisch war, in dem Fall dem eher süffisanten humorigen Action Krimi. Das Feld ist aber sehr weit. Das reicht von den Hardboiled Noirs eines Hammet bis zu den ausgefuchsten Thrillern wie der Millenium Trilogie. Und man muss auch ausgebuffte Spannungsvirtuosen wie Grisham, Crichton und Brown dazuzählen. Gegen die bin ich auch nur ein Anfänger.

Was wir hier gemeinsam mal versuchen könnten, wäre herauszufinden, was herausragende Krimis wirklich so herausragend macht. Am Stil selbst kann es nicht liegen, denn ich denke, wir alle hier, haben die Sprache längst im Griff und sind imstande flüssige, sauber geschriebene Texte zu produzieren. Sind es also doch die Plots? Die Charaktere? Ich weiss es ehrlich gesagt, nicht mehr. Ein Vorschlag: nennt doch hier einfach mal jeder 3 Bücher, die er/sie herausragend fand. Und das mit Begründung. Und dann könnten wir gemeinsam einen unschlagbaren Pitch aus der Dose zaubern, sozusagen als Anschauungsstück. Hättet ihr Lust dazu?
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Mikro-Rückblenden 12 Feb 2015 16:28 #1861

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Hallo Rael,

ich finde den Vorschlag gut, aber gebe zu bedenken, dass sich m.E. in diesem Forum nicht bevorzugt Krimi-Schreiber tummeln.

Du schreibst, deine Bücher lagen wie Blei in den Regalen, das geht wohl im Augenblick den meisten so. Eine befreundete Autorin spuckt momentan einen Thriller nach dem anderen aus, aber trotz tollem Cover und vielen Lesungen liegen die Dinger auch auf Halde.

Dann werde ich mal drei Exemplare in den Ring werfen:

1. Die Saat von Fran Ray (Pseudonym) - die Autorin kenne ich persönlich - habe dort meine ersten Krimi-Gehversuche unternommen. Ist gut im Geschäft! Sie lebt seit einigen Jahren von der Schreiberei.

2. Mord im Zeichen des ZEN von Oliver Bottini hat dafür den dt. Krimipreis erhalten. Das Buch wurde als Fim gerade im TV gezeigt. Dürfte euch bekannt sein?

3. Der Tag nach dem Klassentreffen von Edda Helmke

Herausragend? Fand ich die eigentlich alle nicht. Besonders brutal ist die Saat, ordentlich geschrieben, gut recherchiert - tolle Ideen, aber....................

Von Andreas Eschbach hat mir vor einigen Jahren "Der Nobelpreis" sehr gut gefallen. Bekannt? In diesem Buch gibt es noch eine Besonderheit. Wenn ich mich richtig erinnere, wechselt er den Erzähler.

Ich glaube, es gibt einfach zu viele Krimis auf dem Markt und die Nordlichter werden immer brutaler, da hat Mann/Frau irgendwann auch keine Lust mehr so etwas als Bettlektüre.

Vielleicht möchte Martin eine Diskussion an anderer Stelle? Er wird es uns sagen!

Gruß Linda
Letzte Änderung: 12 Feb 2015 16:29 von Linda.
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Mikro-Rückblenden 12 Feb 2015 16:37 #1862

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Ich sehe mich auch keineswegs als Krimi Schreiber. Ich habe das nur angeführt, weil ich darauf wohl ein wenig festgenagelt wurde.
Bevor ich aber weiteres dazu schreibe, warten wir mal ab, ob dieses Thema nicht doch einen eigenen Thread bekommen sollte, denn hier geht's ja um Rückblenden.
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