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THEMA: Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache

Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache 12 Nov 2019 11:24 #10357

  • maraka
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Wenn du es verpasst … schrieb ich in einem Text und überlegte: sollte da nicht eigentlich noch ein s stehen? Und weil das nicht geht, ein e? Früher hätte man „verpassest“ geschrieben, laut (altem?) Duden ist das auch immer noch die entsprechende Form des Konjunktiv.
Nie und nimmer schreibe ich verpassest!
Aber ich bestehe darauf, einen Tisch zu kaufen, nicht ein Tisch. Hm.
Gut, ich bin Autorin, Spracherhalter. Gelegentlich erfinde ich ein neues Wort, doch ich versuche, die alten unverstümmelt zu benutzen.
Toleranter werde ich wahrscheinlich durch diese Überlegung nicht - doch vielleicht etwas gelassener?
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Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache 12 Nov 2019 20:17 #10359

  • Admelo
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Hallo Maraka
nur mal so ein Gedankenspiel – zum = „verpassest“.
Wie wäre es mit:
wenn du es passt hättest
oder: ... verpassen würdest

Ach; da fällt mir auch ein schönes Wort ein: Services = ist zwar Duden korrekt, aber ein Zungenbrecher.

Viele netten Grüße
Admelo
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Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache 13 Nov 2019 07:54 #10361

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Ich wäge da auch immer ab, besonders hinsichtlich des Konjunktives. An und für sich versuche ich, den Konjunktiv möglichst würde-los (:D) zu halten, aber wenn es wie im obigen Beispiel dann zu altertümlich wird, frage ich mich, ob es passt.

Habe ich einen Erzähler, der eigentlich eher nah am heutigen Umgangston ist? Möchte er gerade auf ironische oder sarkastische Weise etwas möglichst umständlich beschreiben? Oder bin ich gerade in einer wörtlichen Rede einer Figur, die sich ohnehin etwas umständlich, aber unglaublich korrekt ausdrückt (ein verkopfter Germanistik-Professor oder Bibliothekar, ein frustrierter Drucker, Spock ...)? Dann mag auch manchmal das Wort "verpassest" oder manch anderer ungewöhnlicher Konjunktiv passen.

Aber wenn nicht, dann zieh ich, wie Admelo schon sagte, die Würde/Hätte-Karte.
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Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache 13 Nov 2019 10:45 #10362

  • maraka
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Hallo Admelo,

es ging mir um die allgemeine Sprachveränderung, die offensichtlich zu jeder Zeit stattfand und stattfindet.
"Verpass(e)sst" war nur ein Beispiel dafür.

gruß
maraka
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Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache 13 Nov 2019 10:53 #10363

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Hallo Fritzi,

danke für deine Überlegungen. Wie ich schon an Admelo schrieb, war der Einsatz des Konjunktiv nicht das eigentliche Thema.

gruß
maraka
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Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache 13 Nov 2019 14:29 #10364

  • Dornpunzel
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Hallo Maraka,

hach, das Problem kenne ich nur allzu gut. Ich bin - oder war - ja eher im historischen Sektor unterwegs. Da kam es schon häufig vor, dass ein Ausdruck zwar zu der Zeit gepasst hat, bei den meisten Lesern aber vermutlich das Licht 'Fehler' hätte anspringen lassen. Also habe ich oft die 'modernere' Variante gewählt, war eine Gratwanderung, denn zu modern durfte es natürlich auch nicht sein.

Ich habe dann für mich beschlossen, dass Sprache nun einmal einer ständigen Wandlung und Entwicklung unterliegt und manches einfach überholt ist. Dazu würde ich 'verpassest' jetzt auch zählen. Kommt im modernen Sprachgebrauch kaum noch vor und etwa 80% der Leser würde es aus dem Textfluss reißen. Manchmal finde ich es schade, dass manche Wörter vom Aussterben bedroht sind und ja, irgendwo sollten wir Autoren da schon entgegenwirken. Geht halt nicht immer. Manchmal kann man es aber schön verpacken. Wie in deinem Beispiel den Gegenüber altklug erwidern lassen: "Eigentlich heißt es ja verpassest" oder so ähnlich. Daran stört sich der Leser dann auch nicht.

Schöne Grüße
Kerstin
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Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache 13 Nov 2019 18:57 #10365

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Hallo Dornpurzel,

ahja, stimmt ja. Durch deine Arbeit bist du ja sozusagen mit der anderen Seite dieses Problems befasst.
Natürlich weiß ich, dass sich Sprache verändert, wir reden schließlich nicht mehr mhd. Doch etwas wissen und ihm direkt begegnen sind – jedenfalls für mich – zwei verschiedene Dinge. Beziehungsweise fühlt es sich unterschiedlich an.
Ich rege, (regte, hoffentlich) mich mächtiglich auf, wenn mir der Gebrauch der fehlenden maskulinen Akkusativ-Endung begegnet. Als Beispiel „ich kaufe ein Tisch“ statt „ich kaufe einen Tisch“.
Vielleicht haben sich Jahre früher ein paar Leute über das fehlende es bei du passt aufgeregt.
Wenn man mittendrin steckt, ist es halt schwer, so Schleifprozesse von normaler Schludrigkeit abzugrenzen. Wahrscheinlich ist wohl, dass es sich gegenseitig bedingt.
Trotzdem tut mir Schludrigkeit weh. Das bleibt sicher so, doch die Heftigkeit mag nachlassen eingedenk der Sprachgeschichte.

gruß
maraka
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Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache 13 Nov 2019 19:24 #10366

  • Dornpunzel
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Hallo Maraka,

ne, da bin ich ganz bei dir. 'Ein Tisch kaufen' geht gar nicht. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob das jetzt eine sprachliche Entwicklung oder schlichtweg Unkenntnis bzw. Bequemlichkeit ist. Der übergreifende Gebrauch von (sehr kleinen) Tastaturen und der Wunsch nach möglichst immer schnellerer Kommunikation ist sicher auch mit dafür verantwortlich, dass die Sprache ... dezimiert wird. Das ist wieder eine Entwicklung, die ich kritisch sehe und die sich ja nicht zuletzt auch auf die schulische Leistung auswirken kann. Die Lehrerin meiner Tochter hatte mir erzählt, dass sie an den Aufsätzen fast sicher sagen kann, welcher Schüler viel liest und welcher nicht. Also noch ein Grund, neben der persönlichen Überzeugung, für uns Autoren, die aktuellen grammatikalischen Regeln zu verteidigen. B)

Schöne Grüße
Kerstin
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Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache 13 Nov 2019 23:22 #10368

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Hallo maraka,

ich hab deine Zeilen gelesen und mir gedacht: ›Okay ... und?‹ Mit anderen Wortesn: Ich finde das völlig geläufig. Wenn du es verpasst, dann hast du Pech gehabt. Oder Glück? Wenn du es verpassen würdest, hättest du Glück? Oder Pech? Verpassest passt wirklich besser eins vorletzte Jahrhundert, würde ich auch nie schreiben. Da ich zudem ein Konjunktivmeider bin, finde ich es so doppelt okay.

Was die Sprachveränderung anbelangt ... es wird alles ein wenig flacher und simpler. Nicht nur bei der Sprache. Wenn man Websites und ›moderne‹ Programme betrachtet, so findet man viel Leere um wenig herum. Ich traue mich nicht, diese Entwicklung zu deuten und hoffe, dass ein allgemeines Bedürfnis nach Vereinfachung dahinter steckt. Was ja mal wünschenswert wäre.

Liebe Grüße
Martin
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Sprachschwindung oder das Leben hobelt auch an der Sprache 14 Nov 2019 15:56 #10369

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Hallo Martin,

ist ja schön, dich zu sehen, da freue ich mich.

hach, ihr alle schwenkt total auf mein "verpasst" ein - klar ist das total in Ordnung. Es war doch nur das Wort, bei dem mir aufstieß, wie das so geht mit der Sprache. Und mir ein Dämpfungsmittel für den Ärger bei solchen Ärgerlichkeiten des falschen Gebrauchs liefern kann/soll.

Ich dachte, ich hätte mich logisch und klar ausgedrückt - ist wohl manchmal anders als ich denke :)

"viel Leere um wenig herum." ja, sehe ich auch oft. Ich bin in der Interpretation da etwas pessimistischer als du.

gruß
maraka
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